Zwei Affen kauern, ineinandergeklammert, im Schatten der abgebröckelten Mauer, die die Kühle der Nachtluft noch bewahrt.Behutsam lausen sie ihr silbergraues Fell, ungestört von den Hirschkühen, die im hinteren Winkel des Gartens grasen.Leoparden dösen unter dem halbeingestürzten Dach im Inneren des Tempelbezirks, träge wendet sich ihr Blick empor zur Kuppel, goldgelb umglänzt von den ausgegossenen Strahlen der niedersächsischen Morgensonne. Mitten in Hannover ein Palast, in dem nicht die Landesregierung, kein Versicherungskonzern und keine Justizbehörde residieren eine kleine Herde Elefanten, ein paar Affen und Hirsche, Tiger und Leoparden, aufbewahrt in der norddeutschen Landeshauptstadt, bewohnen das künstlich halbverfallene Angkor Vat an der Leine.Der "Dschungelpalast", mit Arkaden und vorgelagertem Palastgarten, ist die neue Attraktion im Zoo Hannover. Eine, bei zwanzig Millionen Mark Baukosten, ungewöhnlich teure Attraktion. Auf 12 000 Quadratmetern entstand das zweitgrößte Zootierdomizil Europas, übertroffen allein vom gewaltigen Dickhäuterhaus im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde, einer mächtigen Trutzburg aus dem letzten Jahr des SED-Staates.Doch wo in Berlin grauer Beton graue Elefanten und graue Nashörner Ton in Ton in die Schranken weist, zelebrieren die Zooplaner in Hannover den Elefantenstall als Stimmungsarchitektur.Palastelemente mit orientalischem Basar, Tempelanklänge, Wasserspiele und versunkene Rui nen setzen ein Stück Indien in Szene, erträumt in der Phantasie eines deutschen Großstadtbewohners des späten 20.Jahrhunderts. "Wir wollen den Leuten etwas bieten, etwas Außergewöhnliches", sagt Klaus-Michael Machens, der Geschäftsführer des Zoos.Ein Mann in Weste und Anzug, der wenig von der Hemdsärmeligkeit eines Zoodirektors hat.Machens ist nicht Biologe und nicht Veterinär, sondern Jurist und Wirtschaftsfachmann.Es war auch nicht sentimentale Romantik, sondern kühles Kalkül, was den Marketingstrategen dazu gebracht hat, in einem niedersächsischen Stadtpark Elefanten einen indischen Palast zu bauen. Seit drei Jahren ist der Zoo Hannover eine GmbH und verfolgt ein neues Konzept.Statt, wie früher üblich, auf städtische Zuschüsse zu vertrauen, investiert Machens mit Großbauten in ein völlig verändertes Projekt Zoo.Über hundert Millionen Mark Expo-Kredite werden in den kommenden Jahren in den Komplettumbau des im internationalen Vergleich bisher wenig auffälligen Tierparks fließen: Entstehen sollen eine Felsenlandschaft Arktica für Eisbären, Robben und Pinguine, eine nachempfundene Sambesi-Landschaft mit Bootstour zwischen Zebras, Antilopen und Löwen - die Freizeitphantasien der mit großzügigen Krediten bedachten Zooarchitekten kennen keine Grenzen außer der Zoomauer. Bei alledem ist der neue Dschungelpalast mehr als eine Attraktion um jeden Preis.Er ist ein Zitat der Zoogeschichte, besser: das Zitat eines Zitats. Seit 1856 in Antwerpen der erste ägyptische Tempel für Zebras und Giraffen aufgestellt wurde, schmückten sich auch deutsche Zoos fleißig mit Stilbauten in antikisierendem und exotischem Gewand.Je weniger Reiz die unter meist jämmerlichen Bedingungen eingepferchten Tiere noch auszustrahlen vermochten, um so mehr schminkte die pompöse Architektur ehrgeiziger Zooplaner, wie jene der Berliner Direktoren Heinrich Bodinus und Ludwig Heck, den Exponaten die gewünschte Exotik an: von der Elefantenpagode und der Bärenburg über indianische und russische Blockhäuser für Bisons und Wisente zum ägyptischen Straußentempel, persischen Pferde- und arabischen Zebrahaus. Die Wende brachte das Jahr 1907, als Hagenbecks Tierpark im Hamburger Stadtteil Stellingen seine Pforten öffnete.Bewegt von der Einsicht in die seelischen Beschädigungen der Tiere im Zoo, schuf der Schweizer Bildhauer Urs Eggenschwyler aus Felskulissen ein neues Landschaftstableau : Es war die architektonische Nachbildung nicht der Natur, sondern der Landschaftsmalerei - die Geburtsstunde des "Panoramas" im Zoo.Obwohl man in Berlin noch jahrzehntelang gegen die "Hagenbeckerei en" polemisierte - die Epoche der Stilbauten schien endgültig vorbei zu sein.In den Stellinger Schaubildern wandelte sich die Präsentation des exotischen Tributs der Kolonialzeit von imaginärer Kultur zu imaginierter Natur. Seit Hagenbeck versteht sich der Zoo, wie der Schweizer Zoodirektor Heini Hediger einst gesagt hatte, als "Notausgang zur Natur" einer fernen Natur freilich, die früher kaum jemand betreten konnte.Der Anspruch, sich an der Natur zu messen, belastet die Architektur des Notausgangs allerdings mit einer schweren Hypothek.Unter dem Kriterium der Natürlichkeit betrachtet, ist jedes Zootierhaus ein Unding, der schlichte Stall ebenso wie der prächtige Palast.Traurig und öde ist der Blick in die sorgs am versteckten Ställe der Phantasienatur.Enttäuschend unvollständig erscheint der Zoo ohne seine exotisch gestalteten Tierhäuser.Ausgeschnitten aus der profanen Außenwelt, im dumpfen Halbdunkel des Heulagers, im schneidenden Geruch des Raubtierurins wirken das mampfende Nashorn und der knochenmalmende Löwe seltsam eindringlich, sinnlich näher und zugleich fremder als in der schnöden Realität tagheller Sandplätze und Gräben. Unwirkliche Sonderräume, die sie sind, fristen Zootierhäuser, kaum gewürdigt, ihr Dasein auf dem Hinterhof der Kunstgeschichte.Als die Baumeister der Zoos in Berlin, Hannover, Stuttgart, Frankfurt und Köln bürgerliche Exotiksehnsüchte noch immer in die Form von Moscheen, Pagoden und Tempeln gossen, träumten die führenden Architekten ihrer Zeit schon von der klinischen Kargheit kühner Funktionsbauten.Wie gut die Zooplaner an ihrem vielgeschmähten Exotismus taten, weiß man erst heute.Daß man in den siebziger Jahren, etwa im Kölner Zoo beim Bau des Lemurenhauses, den Kubismus nachholte, ist nicht nur den Besuchern heute ein Greuel.Statt Formvorlieben der Avantgarde nachzuäffen, baut man auch in Köln inzwischen lieber ein "Eulenkloster". Ob Funktionsbau oder Kloster - die Frage nach der passenden Ästhetik für die Darstellung des zoologischen Erbes in der Großstadt ist nach wie vor umstritten.Soll oder kann die Zooarchitektur das symbolisieren, was in ihr untergebracht ist?Ist sie selbst ein Teil der Inszenierung oder ist sie nur ein neutrales Gehäuse für ihre Bewohner?Und vor allem: Gilt, was für Puffotter und Nilflughund richtig ist, auch für Erdferkel und Schuhschnabel? Von den Menagerien im späten Barock über den bürgerlichen Zoo des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart der neuen "Erlebnisparks" spiegelt die Zooarchitektur das Bild wider, das sich die jeweilige Gesellschaft von der Natur macht oder machen wollte: Exotik, Fremdheit oder Nähe, demonstrative Herrschaft bis hin zu durchaus verantwortlichem Umgang.Und der weitgereiste Normalbürger des späten 20.Jahrhunderts, verwöhnt durch Fernzieltourismus, hat andere Ansprüche an den Erlebniswert einer Zooattraktion als der Tiergartenbesucher der wilhelminischen Zeit, in seiner Exotikphantasie bedient von Panoramen, Postkarten, Reiseberichten und Zigarettenbildchen. Kein Wunder also, daß in der Freizeit- und Spaßgesellschaft auch die aseptische Schwimmbadästhetik der fünfziger bis siebziger Jahre allmählich aus deutschen Zoos verschwindet.Immerhin kein Erlebnisbad oder Aquapark, der etwas auf sich hält, sieht heute noch wie ein Funktionsbau für leibliche Ertüchtigung aus - sondern wie Mallorca am Nil auf Hawaii. Um den Besucher in Hannover mit gleichen Mitteln zu verführen, zogen die Freizeitexperten alle Register.Mit beeindruckender Sorgfalt und teuren Materialien modellierten französische und amerikanische Experten ein ausgesprochen präzises Palastambiente, stilecht bis in die aufwendigen Toilettenanlagen.Kein Stilbau und keine Freizeitparkarchitektur, die je so naturgetreu ausgetüftelt und durchdacht realisiert wurden wie der niedersächsische Elefantenpalast.Wo exotisieren de Bauten des 19. Jahrhunderts die gezeigten Tiere unfachgerecht hinter den Formvorgaben ihrer Imitate verstauten, spielen Palastarchitektur und weitläufig gestaltete Tieranlagen in Hannover auffallend harmonisch zusammen.Eine um siebzig Jahre verspätete Synthese aus Heck und Hagenbeck als neuer Maßstab für zukünftige Zoos? Allein, die Zunft der Zoodirektoren ist eine eher konservative Gemeinschaft und der Hannoversche Dschungelpalast für viele Tiergärtner eine Provokation. Mißtrauisch verweigert der Verband dem Seiteneinsteiger mit dem neuen Konzept die Mitgliedschaft.Die meisten Zoologischen Gärten verstehen sich heute als Stätten der Forschung und der Bildung, den Naturkundemuseen vergleichbar und nicht einem Phantasialand mit Tierspektakel, das sie in den Augen der Zoobesucher unbezweifelbar sind.Wenn dem neuen Mann in Hannover, der sich auf dem Gebiet der Zoologie als Lehrling versteht, die eine oder andere Entgleisung durchgeht wie die publikums freundlich gedachte Ankündigung der Fütterungszeiten für "Piepmätze" im Zooführer, sehen sich die Kritiker gerne bestätigt. Für den Berliner Tierparkdirektor Bernhard Blaszkiewitz, den größte Kritiker der Stimmungsarchitektur, geht es im Zoo nicht um Schaueffekte, sondern ums "wissenschaftliche" Sammeln von Tiergruppen.Das neue Giraffenhaus im Berliner Tierpark erinnert weniger an die Serengeti als an ein Landschulheim. Auf dem übersichtlich unbepflanzten Rasen davor fallen die Giraffen kaum verstörend ins Bild.Hinter dem vielversprechend angekündigten "Afrikanum" verbirgt sich ein überdimensionierter Beistellplatz für verschiedene Zebraarten mit dem Charme einer aufgefüllten Kiesgrube. Illusionistische Spielerei auf der einen, wissenschaftlicher Ernst auf der anderen Seite?Die Frontlinie in der Zooarchitektur stimmt hinten und vorne nicht, so als seien "Wissenschaft" - also Kacheln, Käfige und karge Anlagen - gleichsam jenseits aller Geschichte und Zoogeschichte einer wahren Ordnung der Natur abgelauscht und nicht den Platz-, Form- und Hygienevorstellungen von vor dreißig Jahren.Auch die Ästhetik konservativer Zooplaner ist ein historischer Standard. Wenn Zoos heute als "Psychotope" erscheinen, als kristallisierte Kulturgeschichte der Pathologien und Sehnsüchte einer Gesellschaft, dann hat die Architektur daran ihren Anteil: im Tempel wie im nüchternen Funktionsbau. Ob tropische Volieren, groß und lichtdurchflutet wie Messehallen, oder Reihenhauskäfige im Präsentationsschema eines Zoologiekatalogs für Raritätensammler - es ist eine Caprice der Kulturgeschichte, Zoodirektoren, die im Biologielabor groß geworden sind und nicht im Architekturseminar, über Fragen der Ästhetik entscheiden zu lassen.Sie hinterließ einzigartige Gärten aus Zeitgeschmack, betonierter Einfalt und phantasievoller Spielerei.Was zusätzlich bleibt, stifteten die Politiker: die schroffe Felskulisse für Löwen im Berliner Zoo, ein Nazi-Geschenk anläßlich der Olympischen Spiele von 1936, oder das monumentale Raubtierhaus aus dem Jahr 1963 im sozialistischen Tierpark - ein dankbares Übungsfeld des Architekten Heinz Graffunder für den späteren Bau des Palastes der Republik. "Prachtvoll errichtete imponierende Gebäude" für "blutlechzende Tiger und Leoparden" und für die "lieblichen Gestalten der Vögel, an deren Farbenpracht allein der empfindende Mensch hohen Genuß hat" wünschte sich der Oberlehrer Caspar Garthe 1857 für einen zukünftigen Zoologischen Garten in Köln.Wie auch immer der Zoo sich heute selbst definiert, als Ort der Forschung und des Artenschutzes - an der alten Erwartung hat sich kaum etwas verändert.Für den Besucher ist der Tiergarten ein Erholungs- u nd Erlebnispark, mit der zweifelhaften Aufgabe freilich, einen Frieden zu stiften, dem jedes Erklärungsschild mit finsterem Schicksalsbericht über die Zukunft des ausgestellten Tieres seltsam harmonisch hohnspricht. Immerhin, die Ästhetisierung der Natur durch die kleinparadiesische Gestaltung des Menschen offenzulegen, leisten phantastische Stimmungsbauten einen besseren Dienst als jeder spröde vorgegaukelte Ernst des Sammelns im Funktionsbau.Arglos, wie vor dem Sündenfall, trollen sich in Hannover seidenglänzende Hulman-Affen vor der illusionistischen Kulisse des Eilenrieder Angkor Vats.Paläste und Tempel, Ruinen und heilige Haine - es gibt schlechtere Bilder, die letzten Schmuckstücke aus dem verfall enden Archiv des Lebens zu inszenieren, als den Sakralbau.Als lebende Monumente ihres eigenen Untergangs erscheinen Hannovers Hulman-Affen noch einmal groß. Wie Über-Lebewesen, die sie den Indern sind, wuseln die Überlebewesen aus der Konkursmasse der Schöpfung durch den niedersächsischen Sommertag. Über kulturgeschichtliche Spekulation und tiefgründigen Symbolismus freilich machen sich die Zooplaner wenig Gedanken.Den Affen und Elefanten, vermutet Klaus-Michael Machens, der in der Werbebroschüre für den Dschungelpalast den Dickhäutern heimatliche Gefühle beim Anblick ihrer neuen Behausung in den Mund legt, ist das Stuckwerk ohnehin gleichgültig.Doch die zehn Prozent Mehrkosten für den Stilbau, kalkuliert man in Hannover, bringen gewiß über zehn Prozent mehr Besucher.Wen s tört es da schon, daß andere Zoodirektoren über Effekthascherei und Zirkusmief spotten?Neohistorismus und Synkretismus? Vielleicht.Doch war der Zoo je etwas anderes als das Trugbild einer unmöglichen Versöhnung von Mensch und Natur? Wenn heute "asiatische" Elefanten vor dem niedersächsischen Dschungelpalast einhertrotten, sind auch sie längst ein Synkretismus, eine biologische Kunstform, zusammengeschmolzen aus den Restbeständen verschiedener Unterarten aus Vietnam, Indien und Thailand.Im orientalischen Palastgarten rekeln sich, wie der übernommene Tierbestand es will, keine indischen, sondern sibirische Tiger.Aber was heißt schon sibirische Tiger?Ein Stück sibirische Natur oder bundesdeutsche Kultur?Keine der Katzen hat je die Mandschurei gesehen in ihren Geburtsurkunden stehen nicht die Bureja-Berge oder die Taiga von Sichote-Alin - sondern Leipzig und Berlin.