Ein altersschwaches Seilbähnchen bringt die Forscher auf den 2872 Meter hohen Pyrenäengipfel Pic du Midi. Wenn sich acht Personen in der Kabine drängen, ächzt sie schwer. Das Ziel der zwanzigminütigen Bergfahrt war jahrzehntelang der Stolz der europäischen Astronomie: Das Observatorium, bereits 1878 als Wetterstation gegründet, wurde bald zu einer der besten Sternwarten des Kontinents ausgebaut. Doch 1993 erging vom französischen Forschungsminister die Hiobsbotschaft: Der Pic wird geschlossen - zu alt, zu teuer und allzu schwer zugänglich.

Modern wirkt das Höhenobservatorium in der Tat nicht. Die Astronomen tragen feste Schuhe, warme Hosen und Pullis. Auch drinnen ist es kühl. In Büros und Labors herrscht ein Durcheinander von Computern, Küchengeräten und Büchern.

Auch Werkzeug und Isolierband liegen herum stets ist irgendwas zu reparieren. Durch Ritzen tröpfelt Tauwasser der Putz bröckelt. Die Unterkünfte sind karge Klausen, die Kantine erfüllt der herbe Charme einer Berghütte. Da und dort hängen Poster mit Südseestränden unter Palmen. Der labyrinthische Steinbau erinnert an ein Mönchskloster.

Allem Prestige zum Trotz hält Frankreich sein Vorzeige-Observatorium an kurzer Leine. Das Personal ist knapp, und die Arbeitstage sind lang. "Macht nichts", meint ein Techniker, "wir können ohnehin nicht immer Karten spielen oder fernsehen." Während Hunderte von Millionen aus der Staatskasse in Sternwarten auf Hawaii, auf den Kanaren und in das "Very Large Telescope" in Chiles Atacamawüste gebuttert werden, muß der Pic du Midi mit vier Millionen Mark jährlich auskommen. Selbst das ist der Regierung jetzt zuviel.

"Die Einwände gegen den Pic sind ausschließlich finanzieller Art. Der Wert für die Forschung wurde nie ernstlich bestritten", meint Gérard Coupinot, der wissenschaftliche Koordinator. Er hat hier oben seine Dissertation über die Saturnringe geschrieben: "Noch immer gibt es besonders für das Bernard-Lyot-Teleskop Wartelisten um Beobachtungszeit wird gerungen."

Paris hat bei der Schließungsandrohung nicht mit der Bevölkerung der Region gerechnet. Ein Sturm der Entrüstung kam auf. Die ländliche Region Midi-Pyrénées ist stolz auf "ihren Airbus", "ihre Ariane-Rakete" und eben "ihren Pic". Monatelang trommelte die Dépeche du Midi, die Lokalpolitiker gerieten in Zugzwang. Erstaunlich schnell und im verblüffenden Konsens über Parteigrenzen hinweg haben sie eine Gesellschaft zur Rettung des Pic gegründet. Deren Plan sieht, wie Präsident José Marthe erläutert, Investitionen von gut vierzig Millionen Mark vor. Die Europäische Union, der Staat, aber auch Region, Departement und Gemeinden tragen ihr Scherflein bei.

Der Pic soll danach zum Gewinnbringer werden. Das Rezept: Tourismus.