In der Kulturtheorie geht das Sammeln allen anderen Subsistenztätigkeiten des Menschen voraus - so muß sich Freuds Urhorde durchgebracht haben. Auch der denkende Mensch scheint ohne Kollationieren nicht auskommen zu können: Nischenwelt gegen Makro-Fremde, adamitisches Benennungsbedürfnis, Angst vor dem Verschwinden, dem Vergessenwerden - der Erklärungen ist kein Ende. Der Sammlungen auch nicht, ob nun Wunderkammern, Museen, Archive, Bücherborde.

Sie alle treffen bereits Auswahlen aus wahllosen Anhäufungen - Boullée und die von ihm vorausgeahnte Bibliothek von Babylon des Argentiniers Borges sind nahe, gar nicht zu reden von bescheideneren Knopf- und Zuckerstückchensammlungen, dem Inhalt der Hosentaschen und dem sprichwörtlichen Keller oder Speicher voller Zeitungsausschnitte. Denen Aby Warburg Bildformeln für seinen Mnemosyne-Atlas entnahm, während Künstler Journale als Erinnerungsballen türmen, die bunten Schnitte von Taschenbüchern zu Farbkombinationen anordnen, mit beziehungsweise gegen die Zeit sammeln, sie stornieren oder ihren Fluß zur Augenwanderung machen wollen.

Künstler, sie sammeln und werden selbst gesammelt, fangen deshalb wieder bei Null an und enden doch im musealen Kontinuum. Daher ihre Taktik der Tabula rasa, der verbrannten Erde. Kunst als Kulturkampf: nichtige oder aggressive Materialien werden gestapelt, Mahlzeiten aufgepinnt, Konsumreste zu Rohstilleben eingefroren oder verpackt. Der Alltag mutiert zum archäologischen Schauplatz, wird registriert, eingeteilt, abgelichtet, in Alben gleich soziologischen Erfassungen abgelegt. Statt Hochkulturen das Hier und Heute Bronx und Bowery lösen den Louvre ab.

Längst sind wir mitten in der Ausstellung "Deep Storage", die das Münchner Haus der Kunst, mit Folgestationen in Berlin, Düsseldorf und Seattle, derzeit der Sammelwut widmet. Nichts oder kaum etwas, was ihr, über Video, Photoserien, Datenbänke und Karteikästen vermittelt, entginge. Nichts, oder nur wenig, was des Anhäufens, Sortierens, des geordneten Ausbreitens als ästhetischer Wiederaufbereitung ("Recycling") unwürdig wäre: Zahnbürsten und Altkleidung, Pornohefte oder Briefschaften.

Allerdings verheißt der Untertitel der Schau auch "Arsenale der Erinnerung", und das bedeutet einen semantischen Sprung hin zur kunsthirnartigen Speicherung im technisch-elektronischen, zur Memoria im anthropologischen Verstand. Ohne Spuren, ohne Erinnerung ist offenbar kein Selbstverständnis zu gewinnen, ohne Anhaltspunkte im Lebens-Raum und in der Zeit keine Orientierung zu haben. Daher die (pseudo-)biographischen Dokumentationen der Künstler, ihre Erkundungen der nächsten Umwelt. Deshalb das Spiel mit dem Wissen, mit Atlanten, Globen, Zettelkästen, Antiquariaten, die kulturelle Vernetzung per Collage und Bilder-Planetarium alter Galeriegemälde, die Vorliebe für strenge Vitrinen, für Werk-Köfferchen wie für die fast wissenschaftliche Mimikry beim Auflisten banaler Ereignisse, beim Photographieren ausgedienter, dem Weltkulturerbe zugeführter Industrieanlagen. Hinzu kommt das durch Aufnahmen suggerierte Wissen um die Einbuße der Aura der Werke in Museumsdepots und bei Kunsttransporten.

Vielleicht lassen sich die beiden Stränge, Materiallager und Memoria, doch nicht so leicht bündeln. Vielleicht rührt daher der Eindruck, einiges in München wäre sehr sorgfältig arrangiert, anderes eher zufällig abgestellt, was im übrigen zum Psychogramm des Raffens und Akkumulierens gehört. Ein fesselnder Parcours ist es allemal, trotz entmutigter Stoßseufzer unterwegs, die paar genialen Trödelphotos von Atget und Claes Oldenburgs unsterbliches Maus-Museum hätten es als poetische Abkürzung des thesaurischen Wahns auch getan. Aber dann erfreuen einen wieder die - nicht selten ungewollt heiteren - Großarbeiten und die vom Detailteufel gerittenen Klein-Universen der fünfzig Künstler (unter ihnen ein starkes amerikanisches Kontingent): Heroen der sechziger Jahre, untermischt mit Kollektioneuren von heute. Sammeln ist tendenziell unbegrenzt, Vollständigkeit eine Fata Morgana. Insofern sind die Münchner Kostproben schmackhafter als das ganze Menü. (Haus der Kunst bis zum 12. Oktober Katalog, Prestel-Verlag, an der Museumskasse 49,- DM.)