DIE ZEIT: Seit 25 Jahren sind Sie jetzt in Deutschland im Exil - Hälfte des Lebens. Sie haben einen deutschen Paß, schreiben in deutscher Sprache.

Ihr Geburtsland können Sie nicht mehr besuchen. Nicht einmal, als Ihre Eltern starben, gewährte Ihnen Syrien die Einreise. Haben Sie Ihre Heimat endgültig verloren?

RAFIK SCHAMI: Ich habe in Deutschland Menschen gefunden, bei denen ich mich zu Hause fühle. Auch die deutsche Sprache wurde etwas wie eine Heimat. Ich lernte mich darin bewegen, ich gestalte sie und überschreite in ihr und mit ihr Grenzen. Die Sprache hat mich hier vielleicht sogar ein wenig schneller als Gast angenommen als die Menschen.

Keine Sehnsucht mehr nach der Welt Ihrer Jugend?

O doch! Es gibt Augenblicke der Angst oder der Trauer, da ich mich nach einem geschützten Ort sehne. Dieser Ort ist für mich die Welt meiner Kindheit. Sie reist mit mir, in meinem Gedächtnis, und erzeugt meine Sehnsucht. Die Welt der Jugend ist ein Fluchtort vor allzuviel Bedrohung, vor allzuviel Traurigkeit. Daß mir nicht erlaubt wurde, meine schwerkranken Eltern zu besuchen und nach ihrem Tod am Begräbnis teilzunehmen, hat mich tief verletzt. Diese Wunde hinterläßt eine Verbitterung. Gleichzeitig erwächst aus ihr aber auch neue Kraft. Etwas viel Schlimmeres, als daß ich die Eltern nicht verabschieden darf, kann mir ja nicht mehr passieren. Ein Trost war bloß, daß meine Eltern diese Erde verließen, ohne daß sie meinetwegen gedemütigt worden sind. Ich mußte ja bei allem, was ich tat und schrieb, bedenken, daß meinen Eltern etwas geschehen könnte.

Fürchtet der allmächtige Herrscher Syriens, Hafiz al-Assad, den Schriftsteller Rafik Schami?

Die Entscheidungen, die gegen mich getroffen werden, fällen untere Chargen.