Istanbul Unaufhaltsam schien sein Weg nach oben. Er diente in der Leibwache des Sultans, avancierte zum Säbelträger und schließlich, mit 33 Jahren, zum Großwesir. Ali Pascha reformierte die Palastgarde und bekämpfte die Verschwendungssucht am Hofe. Schnell machte er sich Feinde, die erfolgreich gegen ihn intrigierten. Obwohl ein Schwiegersohn des Sultans, Ahmed III., ließ dieser ihn fallen. Ali Pascha wurde nach Lesbos verbannt und dort 1711 geköpft, im Alter von 41 Jahren. Allein sein Kopf wurde Jahre später in die Ali Pascha Medrese überführt, die von ihm gegründete theologische Hochschule unweit des Basars.

Die Medrese besteht noch heute, doch in veränderter Funktion. In den ehemaligen Studentenzimmern logieren Teppichhändler, der überdachte, geräumige Innenhof dient als Teestube und Café. Eine Oase der Ruhe, einer der wenigen noch verbliebenen Orte in Istanbul, um in Muße die Nargile zu rauchen, die orientalische Wasserpfeife. Ihr Blubbern, so heißt es, öffne die Herzen und führe zu Freunden.

Jeden Abend füllt sich die Ali Pascha Medrese mit Besuchern, fast ausschließlich Männern, nur selten Frauen. Händler, Angestellte, Studenten und Dozenten der nahen Universität, Künstler, Journalisten, Tagträumer, Revolutionäre. Ein Ort der kleinen Fluchten, ohne Status oder Lifestyle. Was zählt, ist das Gespräch, die Erinnerung, die Utopie. Geschichten liegen in der Luft - wie die von Adnan Kazançiklioglu. Der ehemalige Arbeiterführer erzählt vom Gewerkschaftsgesetz, das 1963 erlassen wurde und ihm erlaubte, die Beschäftigten der Istanbuler Getränkeindustrie zu organisieren. 1980 putschten die Militärs und verwässerten dieses Gesetz gewerkschaftliches Engagement wurde riskant. Adnan Kazançiklioglu wechselte sicherheitshalber den Beruf und wählte die innere Emigration: ein moderner Ali Pascha.

"In der Türkei wird Demokratie von oben verordnet", meint der alte Mann.

"Demokratie von unten ist den Machthabern nicht geheuer. In meiner Zeit, in den sechziger und siebziger Jahren, waren die meisten Arbeiter in Istanbul organisiert. Sie hatten ein Klassenbewußtsein. Und sie waren ein Machtfaktor."

Und heute?

"Sie streuen Salz in meine Wunden. Sagen wir so: Die Türken sind hin und her gerissen zwischen Europa und ihrem kulturellen Erbe. Dazu zählt die Religion.