Er gehörte zu einer längst ausgestorbenen kommunistischen Adelskaste: den Klassenverrätern. Das Lebensthema des Sohns aus einem großbürgerlichen jüdischen Hause in Elberfeld war daher die absolute Treue zur Partei, zur Idee des Sozialismus. Seine Maxime: Kritik an den Genossen, nicht an der Partei.

Seine Psychologie ist aus der heutigen Gesellschaft, in der die Fallhöhe zum Klassenverrat verschwunden ist, kaum erklärbar. 1904 geboren, 1930 Mitglied der KPD, Experte für Statistik, Arbeiterbewegung, Finanzpolitik, eingebunden in die Parteiarbeit. Noch 1935 gab er in Berlin ein konjunkturstatistisches Periodicum heraus, in dem die Rüstungsdaten des "Dritten Reiches" nachlesbar waren. 1936 Emigration - nicht in die Sowjetunion, sondern nach Großbritannien. Als amerikanischer Oberst arbeitete er mit an der Vorbereitung der Bombenangriffe. 1945, "als Aktivist der ersten Stunde" nach Berlin zurückgekehrt, war er der designierte Wirtschaftsminister. Aber der Jude Jürgen Kuczynski mußte ins zweite Glied. Gleichwohl blieben der Holocaust und der Stalinsche Antisemitismus ein blinder Fleck in seinem Werk.

1958 als "Revisionist" in Ungnade gefallen, wurde er zugleich abgefunden und privilegiert mit der Leitung des Deutschen Wirtschaftsinstituts in Ost-Berlin. Unter Erich Honecker war er als "Nestor der marxistischen Wirtschaftswissenschaft" schon eine Legende.

Er war der Großbürger, der sein Freund Stephan Hermlin immer sein wollte. Den kleinbürgerlichen Wandlitzsozialismus verachtete er, gleichwohl war er stolz, "Günstling" Honeckers zu sein. Er sah dessen Verkalkung und Realitätsverlust, aber noch Anfang 1989 verteidigte er Honeckers Primat der Sozialpolitik, wenngleich er als Ökonom den Ruin der DDR erkannte. Er war eben "nur" der Kapitalismusexperte der SED. Als Realist wußte er, wann er die Augen zumachen mußte. 1996 nannte er diese Haltung "Dummheit, elende politische Dummheit" - "bei einem Menschen von meiner Intelligenz und Welterfahrung". Seine Formel der Selbstkritik nach 1989: Statt tausend "Erscheinungen" zu kritisieren, aber das System zu "bejahen" (wie in seinem Erfolgsbuch "Dialog mit meinem Urenkel"), hätte er die tausend Erfolge verteidigen, aber das System verneinen müssen. Aber ohne diesen "Fehler" wäre er wohl nicht so produktiv gewesen.

Sein Werk ist unübersehbar, über 4000 Veröffentlichungen, darunter die gigantische vierzigbändige "Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus". Bis zuletzt war die Schaffenskraft seine Moral. Aber tiefgehende Kontroversen hat er nicht ausgelöst. Die DDR-Opposition hat sich, trotz der Kritik am DDR-Stalinismus, nie auf ihn berufen können. Denn er lebte, für die DDR-Intelligenz bedenklich erfolgreich, das Opfer des Intellektuellen vor. Er war nicht der "linientreue Dissident", wie er schrieb. Mit Wolfgang Templin, dem Vater seines Urenkels und wirklichen Dissidenten, wollte er nichts zu tun haben.

Nach der Wende 1989 lebte er auf. Kein Wort des Trostes für die wunde ostdeutsche Seele. Was von der DDR bleiben wird? "Nichts." Sie war auch nur eine Periode im "Zickzack" der Geschichte. Er wirkte förmlich befreit von den Verschmutzungen der realsozialistischen Realität, die seinen Glauben an den Sozialismus verdunkelten. Er notierte "intensives Leben", "endlich wieder" Arbeit als Journalist. Kolumnen in der Jungen Welt, im Neuen Deutschland. Die Prophezeiungen vom "Ende des Kapitalismus in der Barbarei" wurden feuriger.

Die Zahlen hatte er nun auf seiner Seite. Er war Mitglied der PDS, des Marxistischen Forums, aber sein Gehäuse blieb die linke Familientradition, konkretisiert in der Bibliothek von 60 000 Bänden, gesammelt seit den Tagen Kants. Seine eigenen Nachrufe hat er längst schon geschrieben, nüchtern, ironisch, lebensfroh: Sein wissenschaftliches Werk im Rahmen der DDR sei eines "der allzu wenigen mittelgroßen Hügel in einer im ganzen recht flachen Landschaft". Er starb im Schlaf, aber gewiß leuchtete der Stern des Heils.