Die universitäre Vereinsmeierei ist einigermaßen unübersichtlich, obwohl nur ein Bruchteil der Studierenden an den Hochschulen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz studentischen Verbindungen angehört. Von denen gibt es immerhin gut eintausend, die sich wiederum größtenteils zu einem der etwa dreißig Dachverbände zusammengeschlossen haben, darunter solche aus der ça-, ça-ledernen Vergangenheit wie etwa der CC (Coburger Convent), der KSCV (Kösener Senioren-Convents-Verband) oder der CV (der katholische Cartellverband).

Ein Dachverband heißt Deutsche Burschenschaft. In ihm sind rund 120 Burschenschaften zusammengeschlossen, die zirka 2000 Studenten und ungefähr 19 000 sogenannte Alte Herren repräsentieren. Obgleich diese Burschen nur etwa ein Zehntel des buntscheckigen Korporationsspektrums ausmachen, bilden sie das Ende einer Geschichte, die in ihren verschiedenen Phasen von ehedem bis heute jetzt nachzulesen ist. Mit den Deutschen Burschenschaften verbindet der Nichtbursche, wenn auch nicht ganz richtig, das studentische Verbindungswesen schlechthin. Doch wichtig ist: Die Burschenschaftsbewegung im 19. Jahrhundert verkörpert exemplarisch ein Stück nationaler Geschichte.

Bevor dieses Säkulum zu Ende geht, lohnt sich allemal ein Blick in den Mustopf des vorigen, aus dem uns so viel Bekömmliches und noch mehr Unbekömmliches hinterlassen wurde. So auch von der Studentenbewegung, die unter Anführung von Turnvater Jahn 1817 auf dem Wartenberg bei Eisenach den nationalen Aufbruch unter anderem mit einer kleinen symbolischen Bücherverbrennung feierte. Der langjährige Staatsminister Goethe hatte vor der Veranstaltung der "lieben Brauseköpfchen" zwar gewarnt, aber der Landesherr Karl August ließ die Demo zu. Den garstigen Wartburger Feuerstank empfinde ganz Deutschland übel, mäkelte der alte Goethe nachher. Aber die Erinnerung an das Wartburgfest ist dann doch mehr oder weniger hoch in Ehren gehalten worden. 1987 zelebrierte sogar noch die FDJ, weiland Staatsjugend der DDR, nationale Erbepflege mit dem Wartburgfest. Die Geschichte ist in der Tat zweischneidig.

In der 1815 gegründeten Jenaer Urburschenschaft deuteten sich bereits zwei Konstanten des sich entwickelnden nationalen Bewußtseins an: die durch den Befreiungskrieg ausgelöste Abgrenzung nach außen gegen Frankreich und die antisemitische Abgrenzung nach innen. Reste der bis 1806 in den universitären Eliten lebendigen Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution verblaßten angesichts einer starken, rückwärts gewandten romantischen Deutschtümelei. Die Trikolore des republikanisch-demokratischen Hambacher Festes von 1832 wehte zwar in den Farben Schwarz, Rot und Gold der Fahne, die 1817 beim Wartburgfest der Burschenschaft vorangetragen wurde, blieb aber letztlich ebenso wie die studentische Progreßbewegung des Vormärz in der Geschichte der verspäteten Nation Randerscheinung. Mit der gescheiterten Revolution von 1848 wurde ein Schlußpunkt gesetzt: Die Kluft zwischen der monarchisch-konservativen Corpshaltung und den in der Ära Metternich unter dem Druck der Demagogenverfolgung teilweise antifeudalen und republikanischen Burschenschaften schloß sich.

Was folgte, ließe sich dann überspitzt auf den Nenner einer Geschichte von "Blut und Paukboden" bringen, wie Titel und Titelbild des anzuzeigenden Buches besagen. Doch die Beibringung von Schmucknarben beim Austrag sogenannter Ehrenhändel auf der Mensur steht lediglich für die Riten und Praktiken einer vordemokratischen Gesellschaft, der die kleindeutsche Einheit gegeben worden war. Die Einheit war eines der ursprünglichen Ziele der Burschenschaft gewesen. Doch seit 1850 wurde nach den anderen Zielen nicht mehr gefragt. Vielmehr waren es die frühen Übel, die nun so wirkten wie Kinderkrankheiten bei Erwachsenen, nämlich fatal und mit Spätfolgen: nationale Hybris, völkische Verstiegenheit, Antisemitismus. Sie grundierten die Ziele der studentischen Verbindungen noch in der Weimarer Republik. Es waren Studenten, die im Mai 1933 in Berlin die Bücherverbrennung zelebrierten.

Und heute? Was sich in der Tradition der Burschenschaftsbewegung wähnt, die erstaunlicherweise offenbar in Österreich ihre treuen Anhänger hat, sucht seit einigen Jahren nach neuen Wegen, die aber nicht selten die alten rechten Trampelpfade sind. Das Buch mit allein 125 Seiten Anhang gibt auch für diese jüngste Entwicklung einen Überblick.

Dietrich Heither u.a.: Blut und Paukboden Eine Geschichte der Burschenschaften Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1997 412 S., 24,90 DM