Elvis Presley bleibt ein Sänger. Dicht unter der Oberfläche der populären Vorstellungswelt bleibt er ein Reisender.

Dies ist nicht die Geschichte, wie sie gegenwärtig erzählt wird. Elvis Presley ist, so wird überall am oder um den 16. August 1997, dem zwanzigsten Jahrestag seines traurigen Todes im Alter von 42 Jahren, zu lesen sein, eine Ikone. Für manche ist er ein Held, für andere ein Witz. Doch mehr als alles andere ist er ein Symbol für -

Wofür, ist kaum von Belang. Wie der Kritiker Simon Frith einmal so aufschlußreich über Presleys frühere Titel schrieb: "Unsere freudige Reaktion auf Musik ist eine Reaktion nicht auf Bedeutungen, sondern auf das Entstehen von Bedeutungen." Presley, schrieb er, "löste die Symbole auf, die zuvor die Jugend ausgemacht hatten". (Viel zu eng - ich würde "westliche Identität" sagen und es dabei lassen.) "Er zelebrierte - sinnlicher, ausschweifender als jeder andere Rock'n'Roll-Sänger - den Schöpfungsakt des Symbols selbst." Ja, möchte man fast sagen - möchte man fast schreien -, aber jetzt scheint es, als würde der Primat des Symbolismus selbst zelebriert.

Der Diskurs dieser Symbologie - die Vorstellung, daß ein einzelner, eine Nation oder eine ganze entgrenzte Gesellschaft der Popkultur von einem einzigen Elvis-Bild repräsentiert (oder ersetzt) werden kann - ist, wenn überhaupt, nur von geringem Interesse. Vielleicht verkaufen die Wörter "Elvis Presley" mehr denn je falsche Erinnerungen, sei es in Gestalt von Puppen, Schlüsselanhängern, T-Shirts, Büchern, Statuetten, Fernsehshows oder den Medienberichten über Tausende Fans aus der ganzen Welt, die in Graceland zusammenkommen, um auf den Pfaden eines Mannes zu wandeln, der - so scheint es - vor allem lebte, um als Märtyrer oder Heiliger in Erinnerung zu bleiben.

In Interviews von Fernsehreportern aus Dutzenden von Ländern werden Frauen und Männer vor die Kamera treten und erklären, daß sie, ja, das war 1972 oder vielleicht 1975 in Cleveland, Ohio, oder Baton Rouge, Louisiana, daß sie auf dem ersten oder letzten oder siebzehnten Elvis-Konzert ihres Lebens waren.

"Und es ist mir kalt den Rücken runtergelaufen. Es war, als würde er nur für mich allein singen." Doch abgesehen von ein paar obligatorischen Clips von 1956 oder 1957 wird es keinen Hinweis darauf geben, was Elvis Presley, und schon gar nicht darauf, was jene, die da nun reden, an solche Orte geführt hat.

In diesem Sinn nämlich sind die Erinnerungen falsch. Sie enthalten keine Vorstellung von der außergewöhnlichen Reise eines jungen Mannes, der sich aus der Vergessenheit von Armut und Verachtung in die Vergessenheit unerhörten Ruhms riß, und alles durch seine Art, zu singen und auszusehen und sich zu bewegen. Vielmehr reduzieren sie diese Reise auf Aussagefetzen, die ebenso automatisch reproduzierbar und übertragbar sind wie jedes andere Elvis-Souvenir, das die Erinnerung real, konkret machen soll: zu etwas, was man anfassen kann. Seltsam ist das wenn Elvis Presley sang, aussah und sich bewegte wie kein anderer - und das tat er -, warum sind dann alle Erinnerungen gleich? Doch das ist gar nicht seltsam. Dieser Prozeß zeigt nur, daß Menschen in der Schlinge des reinen Kapitalismus stecken, wo, innerhalb einer bestimmten Gesellschaft, eines bestimmten Referenzrahmens - eines bestimmten Marktes -, alles, was verkauft wird, alles andere mitverkauft. Und dieser Prozeß kann nur gelingen, wenn Geschichte und Phantasie außen vor bleiben.