Michail Gorbatschow bleibt sich treu. Sein Verantwortungssinn und Temperament überdauern das Ende seiner politischen Ämter. Unerbittlich denkt er weiter. Jetzt legt er, zusammen mit seinen engsten außenpolitischen Beratern Vadim Sagladin und Anatoli Tschernjajew, einen Bericht über den Stand seiner Überlegungen vor. Es ist ein für ihn typischer, eindringlicher und origineller Appell, sich in der Welt nicht mit dem Ziel einer bloßen Überlebensgemeinschaft zu begnügen, sondern die Globalisierung human zu zivilisieren. Einem ausführlichen Rückblick auf seine aktive Führungszeit folgt in konzentrierter Form eine Art Streitschrift zur gegenwärtigen Lage in der zusammenwachsenden Welt.

Wir alle erinnern uns an sein erstes Auftreten. Jahrzehntelang hatte zwischen Ost und West der Kalte Krieg geherrscht. Fast die ganze Welt war von dem ideologischen und machtpolitischen Konflikt der Systeme bedroht. Sie lebte unter der Furcht der gegeneinander gerichteten Vernichtungswaffen. In der konfrontativen Verblendung wurde die wachsende Interdependenz auf dem Globus verkannt. In der Sowjetunion hatte eine versteinerte Führung den letzten sinnlosen Gewaltakt getan, den Krieg in Afghanistan. Kurz darauf übernahm Gorbatschow das Ruder in seinem Reich. Sofort stellte er an sich selbst und an uns alle eine entscheidende Anforderung. Er tat es mit dem einfachsten und überzeugendsten Begriff, der sich vorstellen läßt: neues Denken. Fast überall hieß es zunächst, das sei nur ein neues Schlagwort. Aber mit der ihm eigenen Kraft des Willens, des Gedankens und der Tat und mit seinem großen Mut überzeugte er uns rasch vom Gegenteil.

Zwei Vokabeln sind aus der schönen und musikalischen, aber schweren russischen Sprache in den Schatz der allgemeinen Verständigung rund um den Globus gegangen: Perestrojka und Glasnost. Sie waren es, die Gorbatschow seiner eigenen Gesellschaft verordnete. Sie zielten auf Öffnung, Selbstverantwortung, menschliche Aktivität und Freiheit.

Gewiß ist es wahr, daß diese Begriffe, die ja gerade auch dem Ziel der globalen Wettbewerbsfähigkeit der Sowjetunion dienen sollten, zunächst mehr die Desintegration im Warschauer-Pakt-Bereich und im eigenen Riesenland herbeiführten, anders als von Gorbatschow gedacht, und daß ihr Initiator dafür vor allem zu Hause bis heute lebhafter Kritik ausgesetzt ist. Er hatte wohl auch dem System seines Landes eine Reformfähigkeit zugetraut, die sich schließlich als Überforderung erwies.

Im Sinne einer tieferen Wahrheit aber hat Gorbatschow mit seinem neuen Denken der ganzen Welt zu einer entscheidenden Entspannung und Bewußtseinsänderung verholfen. Seinem tatkräftigen Handeln ist eine Entideologisierung in den internationalen Beziehungen zu danken. Er war es, der das Recht der Menschen und Völker auf Selbstbestimmung bejahte und in seinem Machtbereich gegen massive Widerstände gewähren ließ.

Zu seinen ersten entscheidenden Leistungen zählte es, die sogenannte Breschnjew-Doktrin aufzukündigen, die den sozialistischen Staaten nur eine beschränkte Souveränität und der Sowjetunion ein allgemeines Interventionsrecht zuerkannt hatte. Dadurch machte er mit dem Selbstbestimmungsrecht Ernst.

Er handelte gemäß der von ihm erkannten dringenden Notwendigkeit, die Gewalt als Mittel der Politik einzudämmen, indem er sich nicht mit der allzuoft ergebnislos wiederholten allgemeinen Forderung nach Abrüstung begnügte, sondern selber mit einseitigen Vorleistungen der Abrüstung begann und damit den Westen unter Druck setzte. Und als dann über den jahrzehntealten Status quo des Kalten Krieges ein Erdrutsch hinwegging, für den es kein Beispiel in der Geschichte gab, hatte er den größten Mut zu beweisen und die schwerste Last zu tragen. Denn er war es, der dafür einstand, den friedlichen Verlauf der Umwälzungen zu sichern. Er ließ keine Gewaltaktionen durch sowjetische Truppen zu, wie wir sie vom Pekinger Tiananmen-Platz noch in schrecklicher Erinnerung hatten. Ihm sind der friedliche Verlauf der Revolution und die ebenso friedliche Vereinigung Deutschlands in der euroatlantischen Partnerschaft zu verdanken. So hatte er es nicht vorhergesehen und nicht angesteuert. Aber er schaffte es mit dem ihm eigenen Empfinden, nicht souverän, sondern verantwortliches Werkzeug einer unaufhaltsamen Geschichte zu sein. Im Angesicht der fundamentalen Verwerfungen unserer Zeit auf deren Höhe zu denken und zu handeln und sich dabei von hergebrachten Vorurteilen zu lösen, das hat er uns in Wort und Tat vorgemacht.