Nach Wiesenau kam das Wasser später als anderswohin, und es ging früher zurück. Insofern hat Wiesenau ein wenig Glück gehabt. Rund dreißig Häuser aber hat sich die Flut auch in diesem Dorf gepackt. An seinem östlichen Rand bietet es das gleiche Bild wie andere Orte in der überschwemmten Ziltendorfer Niederung: Dort, wo die Oder langsam wieder verschwindet, läßt sie schwarzgrünen Schorf auf der Erde und triefende Nässe in den Häusern zurück.

Und über allem lastet der Gestank des Desasters, eine durchdringende Mixtur aus Abwässern und Müllhalde.

Besonders hart hat das Hochwasser Familie Prütz getroffen. Die Möbel brachte sie noch in Sicherheit den Keller und das Erdgeschoß des Hauses aber konnte sie auch mit zwei Sandsackbarrieren nicht verteidigen. Was vier Generationen vor ihr gehegt und gepflegt hatten, was Doris Prütz erst vor kurzem renovierte, ist nun eine Baustelle mit ungewisser Perspektive. Wo soll sie zuerst anpacken - im vollgelaufenen Keller, in der durchnäßten Küche, bei den verschimmelten Wänden? "Wir sind es gewohnt zu improvisieren", sagt die 46jährige. Diese alte DDR-Tugend richtet sie jetzt auf. Gemeinsam mit ihren zwei fast erwachsenen Kindern und dem Lebensgefährten reißt sie nun erst einmal die Bodendielen hoch. Was kommt danach? Das Haus ist nicht gegen Wasserschäden versichert, und mit ihrem Angestelltengehalt wird Doris Prütz die Renovierung nicht bezahlen können.

Ihrem Nachbarn ergeht es nicht besser. Dem pensionierten Traktoristen Hans-Joachim Schulz wird ebenfalls keine Versicherung helfen, sein durchtränktes Haus wieder bewohnbar zu machen. Dabei möchte er doch nur "endlich wieder friedlich und gut hier leben". Um Menschen wie ihm Mut zu machen, ist der Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg Wolfgang Huber ins Dorf gekommen. Er verspricht schnelle und dauerhafte Hilfe. Zumindest die Familien Prütz und Schulz können in ihrer Bedrängnis erst einmal aufatmen. Das Diakonische Werk und die ZEIT-Fluthilfe werden sie bei der Wiederherstellung ihrer Häuser finanziell unterstützen: Bei Schadensgutachten, Trockenlegung, Teilen der Renovierungskosten und Übergangsfinanzierung.

"Hauptsache, wir fangen mit dem Wiederaufbau an", sagt Dorfbürgermeister Rainer Bublak. Der Spendenausschuß der Gemeinde, den Vertreter des Staates, der Kirche und der Betroffenen bilden, soll dafür sorgen, daß auch die übrigen Hochwasseropfer nicht allein gelassen werden. Sie erhalten Unterstützuung aus anderen humanitären und staatlichen Quellen. "Neid unter den Dorfbewohnern", meint Rainer Bublak, "werden wir nicht aufkommen lassen."

Das verbietet auch der Blick über die Oder. Die Wiesenauer wissen aus dem Fernsehen, daß die Fluten in Polen und Tschechien noch viel grausamere Verwüstungen angerichtet haben als bei ihnen im Dorf.