Inflation als Spuk

Totgesagte leben länger. Die Maxime vieler Hollywood-Streifen gilt auch für das Wirtschaftsleben. Vorschnell haben Politiker, Ökonomen und Journalisten eine Geißel der Menschheit, die Inflation, zu Grabe getragen.

Die Zeit steigender Preise ist vorbei, lautet der Abgesang. Die Optimisten unter ihnen, inspiriert vom Jahrhundertboom in den Vereinigten Staaten, verkünden bereits eine neue Ära: New Economy - anhaltende Vollbeschäftigung und inflationsfreies Wachstum gleichzeitig. Globaler Wettbewerb und technologisch ausgelöste Produktivitätsfortschritte, so das zuversichtliche Credo, hielten die Verbraucherpreise unter Kontrolle. Und die Pessimisten dieser Fraktion: Sie befürchten eine ökonomische Katastrophe und prognostizieren Jahre der Deflation, ja der Depression à la Weimar.

Soweit die Theorie, die Fakten sehen anders aus - zumindest in Deutschland.

Spätestens seitdem der Dollar gegenüber der Mark zu einem Höhenflug angesetzt hat - im Vergleich zum Jahresanfang müssen D-Mark-Besitzer heute rund zwanzig Prozent mehr für einen Greenback bezahlen -, rumort es im Stabilitätsland Deutschland. Die Einfuhrpreise klettern kräftig, auch die Erzeuger- und Großhandelspreise ziehen an. Schon warnt Otmar Issing, Chefvolkswirt der Bundesbank, die Entwicklung der Preise gehe auf allen Ebenen "in die falsche Richtung".

Spukt das Gespenst Inflation - möglicherweise importiert aus dem angelsächsischen Raum - schon bald wieder in der Bundesrepublik?

Auf kurze Sicht erscheinen solche Sorgen ziemlich übertrieben. Tatsache ist: Die allgemeine Teuerungsrate verharrt seit langem deutlich unter der Marke von 2 Prozent, im Juli waren es 1,8 Prozent. Wenn Preise nach oben gehen, dann hat häufig der Gesetzgeber seine Finger im Spiel: Gestiegene Zuzahlungen für Arzneimittel, höhere Kraftfahrzeugsteuern und bald teurere Postgebühren sind amtlich verordnete Inflationsrisiken. Es wäre grotesk, da mit der Zinspeitsche gegenzuhalten.

Zudem: Weder die Entwicklung der Geldmenge - an ihr orientieren sich die Währungshüter maßgeblich - noch die Kapazitätsauslastung der Unternehmen sind beunruhigend. Zumindest vorerst ist der innere Wert der Mark nicht ernstlich in Gefahr. Sollte die Konjunktur in Deutschland aber weiter nachhaltig an Fahrt gewinnen, und mittlerweile spricht mehr dafür als dagegen, ein behutsamer Kurswechsel in der Geldpolitik wäre durchaus akzeptabel. Aber eben nur dann.

Inflation als Spuk

Zur Zeit hingegen hätte ein Präventivschlag der Bundesbanker fatale Folgen.

Sicherlich, die Leitzinsen sind so niedrig wie noch nie in der Nachkriegsgeschichte. Auf dem Reißbrett mögen da ein paar Punkte mehr hinter dem Komma dem Aufschwung nicht schaden. Nur: Wirtschaft findet nicht im Labor statt. Selbst ein einfühlsames Anziehen der Zügel in Frankfurt würde psychologisch bedingte Bremsspuren hinterlassen, die niemand wollen kann.

Rekordarbeitslosigkeit, Reformstau und Regierungschaos sind nicht die Schuld der Bundesbank. Wer aber diese mißliche Lage ignoriert, der macht sich mitschuldig.

Also wäre es absurd, zur Stützung der schwachen Mark jetzt das Geldangebot zu verknappen, gar die Zinsen anzuheben. Daß die heimische Währung seit Monaten drastisch an Glanz verliert, hat offensichtliche Gründe: Strukturkrise, Wachstumsschwäche und Politikstillstand schlagen nun einmal früher oder später auf den Wechselkurs durch.

Solange der Verfall des äußeren Wertes aber nicht die Preisstabilität in Deutschland gefährdet, und davon kann bei einem Dollarkurs von unter 1,90 Mark nicht die Rede sein, hat die Geldpolitik nur eine Aufgabe: Inflationsgefahren im Inneren zu bekämpfen. Die sind aber nicht akut.