Shanghai Über Shanghai erzählt man gerne Außergewöhnliches. Perle des Orients und Paris des Ostens wird die Stadt genannt, und man hört von schwindelerregenden Himmelsbauten, prachtvollen Uferalleen, boomenden Börsen und exotischen Nachtbars. Doch heute wie früher hat auch Shanghai seine Schattenseite, und sie heißt Hongkou.

Dieser Stadtteil liegt noch in Sichtweite des berühmten "Bund"-Ufers mit seiner unversehrten Zeile neogotischer Bürohochhäuser, hier aber verblaßt der Glanz der Metropole. Nur die Ärmsten unter den Armen steigen hier ab, die Seefahrer, die Landflüchtlinge, die Wanderarbeiter. Hongkou ist ein Hafenviertel, mit heruntergekommenen Kolonialbauten, so bunt und dreckig, daß die Stadtplaner gleich ganze Straßenzüge niederwalzen wollen. Doch aus deutscher Sicht wäre das ein großes Unglück. Denn Hongkou ist ein jüdisches und auch ein deutsches Viertel. Die Kinder im Haus Nummer 59 an der Zhoushan-Straße wissen das. "Es war gut, daß die Juden früher in unserem Haus leben durften", sagt die sechzehnjährige Schülerin Xu Shenghao. Sie kennt die Geschichte ihres Stadtteils. "Es waren doch arme Menschen", pflichtet ihre Freundin Yu Yin bei, "denn die Juden wurden von den Deutschen gejagt." Xu und Lu erinnern an das chinesische Exil von zwanzigtausend, vielleicht sogar dreißigtausend Juden, die zwischen 1933 und 1941 vor ihren nationalsozialistischen Verfolgern nach Shanghai geflüchtet waren, um in den Slums von Hongkou den Faschismus zu überleben. Viele von ihnen kamen aus Deutschland und Österreich.

Die Situation war dramatisch, aber einfach: Von allen Ländern und Städten der Welt bot nach der "Reichskristallnacht" 1938 nur noch Shanghai, das unter Verwaltung der Kolonialmächte stand, den Juden eine visa- und auflagenfreie Einreise. "Was Shanghai für die Juden getan hat, hat damals niemand auf der ganzen Welt getan", unterstreicht Ora Namir, ehemalige Arbeitsministerin unter Jitzhak Rabin und heute Botschafterin ihres Landes in Peking. Jeder israelische Politiker, der durch China reist, bedankt sich stets für die großzügige Aufnahme der Flüchtlinge durch die arme chinesische Bevölkerung in Shanghai. "Hätten nur mehr Juden von Shanghai gewußt, wären viel mehr gekommen und hätten viel mehr überlebt", glaubt Ora Namir.

Shanghais Rolle bei der Rettung von abertausend Juden ist inzwischen als Thema regelrecht en vogue: In China und Amerika entstehen neue Bücher und Filme über das Judenviertel. Ob in Melbourne, Los Angeles, Jerusalem oder Berlin: Regisseure und Autoren hasten den letzten Zeitzeugen hinterher. Auch eine Deutsche beteiligte sich an der Spurensuche: Auf der Berlinale war Ulrike Ottingers vielgelobter Dokumentarfilm "Exil Shanghai" zu sehen. Und eine Ausstellung von Shanghai-Rückkehrern findet zur Zeit im Berliner Martin-Gropius-Bau statt. Bei allen Versuchen der historischen Rekonstruktion geht es um die persönlichen Erfahrungen der Überlebenden - Politik und Wissenschaft, gerade in Deutschland, haben das chinesische Kapitel des Holocaust noch nicht so recht entdeckt.

Vielleicht sind die modischen Shanghai-Schwärmereien ein Grund dafür. In seiner vielzitierten Rede im Berliner Hotel "Adlon" pries Bundespräsident Roman Herzog kürzlich den Wirtschaftsboom am Jangtse. Zuvor hatte er Shanghai besucht, nicht aber Hongkou. Holocaust-Forscher haben die Geschichte der Juden in Hongkou bisher nicht oder nur am Rande behandelt. Vielleicht bestätigt sich darin ein Befund aus der Goldhagen-Debatte: daß nämlich die deutsche Holocaust-Forschung sich schwer tue, neue, öffentlichkeitswirksame Zugänge zu ihrem Thema zu finden.

Dabei lädt Shanghai zu Nachforschungen geradezu ein, und Hongkou hat sich wenig verändert. In den schäbigen altenglischen Ziegelbauten, die einst den Kern des jüdischen Viertels bildeten, wohnt heute das chinesische Proletariat: Auf drei Etagen hausen zehn Familien. Türen, Fenster und Treppenhaus wurden seit Beginn des Jahrhunderts nicht erneuert. Wie früher die Juden, so kochen heute die Chinesen im Erdgeschoß und benutzen ein gemeinsames Bad. "Wir leben im Übergang", klagt die pensionierte Textilarbeiterin Zhe Lianfang. An die Juden erinnert sich die alte Frau gerne: "Shanghai war freier als andere Städte. Deshalb konnten wir freundlich zueinander sein."

"Klein-Wien" nannte man damals die Zhoushan-Straße, weil dort, wo heute Nudeln mit Tofu verkauft werden, jüdische Bäcker ihre Ware anboten. Chinesen und Juden lebten auf engstem Raum zusammen. "Wir verstanden nicht, weshalb unsere jüdischen Nachbarn zwei Hunde durchfütterten, wo wir alle nichts zu essen hatten", lacht der 72jährige Zhou Qinshan, der an Hundefleisch - zumal im Krieg - nichts auszusetzen gehabt hätte. Der pensionierte Bauingenieur lebte zehn Jahre lang mit den Flüchtlingen in einer Straße. Einen vollen Nachmittag lang kann der aufbrausende Alt-Shanghaier scharfzüngig, aber wohlwollend über die Juden berichten, die keinen Reis aßen und ihren Kindern im Winter kurze Hosen anzogen. Und im Huoshan-Park von Hongkou, in den die Alten vor der Sommerhitze flüchten, findet sich schnell eine Schar Zuhörer ein, die Zhou mit ihren eigenen Geschichten beipflichten. "Die ersten Juden, die zu uns ins Viertel kamen, waren reich. Sogar dieser Park gehörte ihnen.