Sommer in Wien. Die Sonne schmeichelt den grauen Fassaden. An dem Brunnen auf dem Sobieskiplatz spielen Kinder, ringsum sitzen Frauen auf den Bänken und stricken. Alltag im 9. Stadtbezirk. Zwar liegt die Ringstraße mit ihren Prunkbauten, die den Stadtteil vom 1. Bezirk trennt, nur einen Fußmarsch entfernt. Doch dort in der Inneren Stadt, wo einst die Habsburger in der Hofburg residierten und der Adel seine Paläste baute, hatte das Leben immer schon viel mehr Glanz. Erst recht vor 200 Jahren, als anstelle der Ringstraße noch die Stadtmauer das Zentrum umschloß und hier, im heutigen Bezirk Alsergrund, Franz Schubert geboren wurde.

Zeitlebens gelang es dem Komponisten nicht, mit seiner Musik die noble Innenstadt zu erobern. Inzwischen ist ganz Wien stolz auf seinen begabten Sohn: "Mozart und Beethoven, Haydn und Brahms waren Zugereiste. Sie kamen nach Wien, weil die Habsburger und ihr Adel die Musik sehr förderten", weiß Hebe Jeffrey, die Führungen auf den Spuren der Komponisten anbietet, ,,aber Schubert war ein echter Wiener." In diesem Jahr feiert die Stadt seinen 200.

Geburtstag mit zahlreichen Konzerten und Ausstellungen.

Gesichtslose Neubauten wechseln mit den abgeblätterten Fassaden der Jahrhundertwende eine Reinigung und ein Tabakgeschäft, ein Secondhandshop und eine Bäckerei belegen die Läden entlang der Nußdorfer Straße. Dazwischen zwängt sich ein zweistöckiges Haus aus dem 18. Jahrhundert. Vier rotweiße Fahnen über dem Eingangstor zeigen die Sehenswürdigkeit an: Hier wurde Schubert 1797 geboren. "Diese Gegend war damals Vorstadt, außerhalb der Befestigungsmauern gelegen", erzählt Stadtführerin Helga Chmel, "hier herrschte eine sehr ländliche Atmosphäre. Es gab noch keine Straßennamen, statt dessen hatten die Häuser Namen." Das Schuberthaus hieß "Zum roten Krebsen".

Das Holztor gibt den Weg frei in den Hof, den zwei langgestreckte Gebäudeflügel einfassen die U-förmige Bauweise ist typisch für das Wien des 18. Jahrhunderts. Am offenen Ende führen ein paar Stufen hinab in ein tiefer gelegenes Gärtchen mit Rasen und ein paar Bäumen. Die hölzerne Pumpe im Hof wird auch die Familie Schubert mit Wasser versorgt haben. Siebzehn Wohnungen befanden sich damals in dem Haus, keine größer als 35 Quadratmeter. "Stellt euch den Lärm vor, den Gestank von derart vielen Menschen auf so engem Raum", sagt Hebe Jeffrey, die Musiklehrerin aus London, die seit fünfzehn Jahren in Wien lebt.

Unten im Erdgeschoß unterrichtete Franz' Vater als Lehrer bis zu hundert Kinder, von deren Schulgeld die Familie lebte. Oben, im ersten Stock, bewohnten die Schuberts zu siebt eine Wohnung, die aus einem Zimmer und einer Küche bestand die offene Feuerstelle mit dem rußigen Rauchabzug ist erhalten. Bestimmt hätte sich Schubert nicht träumen lassen, daß ihm in seinem Geburtshaus schon 1912 ein Museum gewidmet würde. Ihm, der sein ganzes, 32 Jahre kurzes Leben auf die Unterstützung von Freunden angewiesen blieb und der sich nie eine eigene Bleibe leisten konnte.

Jetzt wird seiner posthum nicht nur in den elterlichen Räumen, sondern auch noch in den beiden benachbarten Wohnungen gedacht. Bilder der Familie, der Freunde und natürlich des Komponisten selbst schmücken die Wände. Unter Glas ruhen die Handschriften seiner Kompositionen, die ihm nur so aus der Feder flossen und keiner Korrektur mehr bedurften. Rund 900 Werke, darunter 160 Vertonungen von Goethe-Gedichten, hat Schubert in seinem kurzen Leben geschaffen. In einer Vitrine thront seine Nickelbrille, 3,5 Dioptrien stark, ein Glas ist gebrochen. "Die Brille ist so etwas wie eine Reliquie", meint Helga Chmiel, "sie war ein Teil von ihm. Er hat sie nicht einmal nachts zum Schlafen abgenommen."