Wilkanów, wo die Fluten Dutzende Wohnhäuser zerschmetterten und eine Schule aufschlitzten, ist mit seinen elf Kilometern das längste Dorf Polens.

1300 Menschen leben hier, überwiegend Vertriebene aus dem ehemaligen Ostpolen. Am Hang des Glatzer Schneegebirges trauerten sie noch lange ihrer verlorenen Heimat in den Karpaten nach und wollten von ihren deutschen Vorgängern nichts wissen. Die Ältesten erinnern sich, daß ihr Dorf früher Wölfelsdorf hieß.

Heute ist Wilkanów ein relativ junges und in sich ruhendes Dorf. Von den 47 Kindern des ersten polnischen Schülerjahrgangs 1947, der die nun zerstörte alte preußische Schule besuchte, leben 30 immer noch im Dorf, und vor zwei Monaten gingen 150 Kinder in die Ferien. Was lernen sie über die Vergangenheit von Wilkanów? Die ebenfalls aus dem Osten stammende Geschichtslehrerin Barbara Jaworska reagiert ein wenig verlegen: "Sie wissen, woher und warum wir hierher kamen. Aber wenn Sie etwas über die deutsche Zeit erfahren wollen, müssen Sie mit dem Musios reden ..." Der Tischler Adolf Muschiol und seine Frau sind die winzige deutsche Minderheit im Ort. Er stammt aus Beuthen, sie ist in Wölfelsdorf geblieben. Beide haben gerade Besuch aus Deutschland: Alte Wölfelsdorfer helfen über ihre Kinder den polnischen Nachfolgern, mit denen sie inzwischen persönlich bekannt sind.

Der Bürgermeister von Bystrzyca (Habelschwerdt), Bogdan Krynicki, zuständig auch für die Gemeinde, zu der Wilkanów gehört, hat viele Sorgen, unter anderem die, daß in Wilkanów eine Ersatzschule gebaut werden könnte, die wieder einmal ein Stück des architektonischen Charakters dieser Landschaft verderben würde. Im Rahmen des Notprogramms der polnischen Regierung werden jetzt überall Vielzweckbauten - bessere Container - als Ersatz für die vom Hochwasser zerstörten Schulen, Kindergärten oder Altenheime angeboten. Bogdan Krynicki schwebt etwas anderes vor: "Wenn uns der Bauplan einer Schule aus einer anderen bergigen Gegend in Deutschland, Österreich oder der Schweiz zur Verfügung gestellt würde, könnten wir nicht nur landschaftsgerecht bauen, sondern auch eine Tradition fortsetzen, die in den Sudeten mit ihren vielfältigen kulturellen Einflüssen seit Jahrhunderten gelebt wurde. Wir wollen endlich nicht mehr gegen die Geschichte der Region, sondern im Einklang mit ihr leben."

Ob das alte, ohnehin zu kleine Schulgebäude erhalten werden kann, ist noch offen. Zuerst muß man es weiter amputieren, weil die Ruine mit jedem Tag tiefer in die Schlucht abrutscht und den noch intakten Rest mitzieht. Nicht wenige möchten das alte Gebäude am nun wieder ganz ruhigen Bachufer mit einer Betonspritze doch noch retten und wiederaufbauen. Die anderen sagen: Nur weg vom Wasser! Eine neue Schule an einem neuen Ort muß her. Nur kein Flachbau, sie muß ein Dach haben wie eine richtige schlesische Baude ...