Nicht Verbraucher, Manager oder gar Politiker bestimmen heute, wo es in der Wirtschaft langgeht - das besorgen die Finanzmärkte. Spekulanten rund um den Globus setzen die D-Mark unter Druck, jagen Dow Jones und Dax auf halsbrecherischen Kurs und erzwingen Kostensenkungen und Arbeitsplatzabbau.

Schon immer stand dort, wo mit Aktien, Anleihen oder Währungen gehandelt wird, auch die Qualität von Vorständen, Bundeskanzlern und politischen Systemen zur Abstimmung. Neu ist jedoch, daß heute fast alle diesem Urteil glauben. Kein Konzernvorstand, der das Verdikt amerikanischer Pensionsfonds übergehen könnte schlecht beraten der Finanzminister, der den Newsletter eines namhaften Analysten mißachtet. Wenn Wall Street sich von der D-Mark abwendet, erschrickt das politische Bonn mehr, als wenn Helmut Kohl ins Umfrageloch stürzt.

Die Macht der Märkte erzeugt Unbehagen und Angst. Die Launen verantwortungsloser Spekulanten scheinen mehr zu gelten als die Beschlüsse demokratisch gewählter Politiker. Die Soziale Marktwirtschaft ist für manchen Kritiker bereits Opfer eines globalen Kasinokapitalismus geworden. Schon der große Ökonom John Maynard Keynes fürchtete ja in den dreißiger Jahren, die reale Ökonomie könnte eines Tages hilf- und steuerlos auf dem wilden Strom der Spekulation in ihr Verderben treiben.

Aber ist Spekulation, also die Ausnutzung kurzfristiger Preisschwankungen, wirklich von Übel? Sollte man Spekulanten das Handwerk legen? Die Frage ist alles andere als akademisch, wie die Debatte um die Verlängerung der Spekulationsfrist für Börsengeschäfte zeigt. Spekulanten verdienen ihr Geld, wenn die Preise springen - je unberechenbarer, desto besser auf die Richtung kommt es dabei gar nicht an. Nervöse, volatile Märkte erfreuen die Spieler.

Wie eine Herde wildgewordener Bullen kann die Spekulation zertrampeln, was sich ihr in den Weg stellt: das britische Pfund, die Regierung von Mexiko, die thailändische Zentralbank und vielleicht auch die D-Mark.

Nur wird die spekulative Übertreibung genährt durch Ungleichgewichte in der Politik. Hohe Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite sorgen dafür, daß es viel zu finanzieren und damit auch zu spekulieren gibt. Unstete Finanzminister liefern der Spekulation die Anlässe. Sie kann schließlich auf Dauer nur mit dem spekulieren, was sie vorfindet.

Wenn Politik und Markt kollidieren, wird der Spekulant zum Sündenbock, der Verweis auf die Spekulation zur Ausrede für schlechte Politik. Sprachliche Ungenauigkeiten machen die Sache noch suspekter. Aktienspekulanten versuchen, Kurse vorauszuahnen und aus diesen Ahnungen Profit zu erzielen. Der Begriff "Spekulation" steht aber auch für das Horten nicht vermehrbarer Güter, seien es nun Kupfer- und Silberbarren oder Grundstücke. Beide Formen der Spekulation haben nichts miteinander zu tun, werden aber immer wieder miteinander vermischt.