Anna ist Polin und arbeitet als Putzfrau in Paris.Es ist ein Sommerjob. Eigentlich studiert sie Romanistik in Krakau.Ihren Job hat sie über eine Anzeige im Kirchenblatt gefunden.Sie würde auch etwas anderes machen, Kinder hüten oder alte Leute spazierenführen.Anna will Französisch lernen, und sie braucht Geld.Deshalb trägt sie immer ihr Handy bei sich.Falls noch jemand anruft, der besser zahlt.Bislang rufen aber bloß Freundinnen an, die sie im Bus nach Paris kennengelernt hat.Die meisten träumen, wie Anna, in diesen heißen Tagen erstaunlicherweise weniger von Ferien am Meer als von einer Eintrittskarte zu den XII.Weltjugendtagen mit dem Papst.Unter 585 Franc (170 Mark) ist die aber nicht zu haben. Die katholische Kirche in Frankreich wäre glücklich, wenn es in ihren Reihen mehr junge Menschen von Annas Schlage gäbe.Obwohl der Termin für das Jugendtreffen mit Blick auf die hiesigen Feriensitten extra um zehn Tage verschoben worden ist und der Papst seine große Abschlußmesse nun nicht, wie sonst, an Mariä Himmelfahrt hält, sondern erst am 24.August, haben die Organisatoren alle Mühe, eine halbwegs beeindruckende Zahl junger Franzosen zu mobilisieren.Es fehlt noch immer an freiwilligen Hel fern, und auch bei den Pilgeranmeldungen ist man weit hinter den Erwartungen zurück. 300 000 bis 350 000 junge Leute werden insgesamt in Paris erwartet, davon lediglich 100 000 aus Frankreich.In Tschenstochau 1991 waren am letzten Tag 1,6 Millionen da, in Manila vor zwei Jahren sogar 4 Millionen. Das mag zum Teil daran liegen, daß die Organisatoren diesmal eine Art Ferienpaket zusammengeschnürt haben.Die Weltjugendtage dauern knapp eine Woche (18. bis 24.August), vorgeschaltet sind noch einmal vier Tage in verschiedenen Diözesen der Provinz, "damit die jungen Besucher sehen können, wie vielfältig Frankreich ist", wie es beim Organisationskomitee heißt.Die Woche in Paris ist nur als Pauschalarrangement zu haben.Der Preis (230 Mark mit und 170 Mark ohne Unterkunft) umfaßt Mahlzeiten, Versi cherung, Fahrkarten, ein "Pilgerbuch" und eine Umhängetasche, die an früher einmal modische Turnbeutel erinnert.Im Großraum Paris, wo immerhin zwölf Millionen Menschen wohnen, hat das manchen möglichen Teilnehmer vergrätzt, der keinen Wert legt auf Z wangsverpflegung und U-Bahn-Ticket.Wer wiederum schon vorher auf eigene Faust von weit her nach Paris gereist ist wie Anna, ärgert sich über den obligatorischen "Solidaritätsbeitrag" von fünfzig Franc für Pilger aus dem Osten (60 000) und aus Afrika (2000). Ist Frankreich noch der Hort des katholischen Christentums, die fille ainée de l'Église, die älteste Tochter der Kirche?Oder ist es inzwischen soweit, daß die echten Katholiken hierzulande in der Minderheit sind, wie mancher von ihnen ängstlich mutmaßt?Jeder Papstbesuch löst ein schrilles Echo aus sechsmal war Johannes Paul II. schon in Frankreich, zur Zweitausendjahrfeier will er wiederkommen.Der Protest der selbsternannten Verfechter der französischen Laizität (der Trennung von Kirch e und Staat) ist jeweils so laut, daß man meinen könnte, der Katholizismus spiele noch immer eine große Rolle.Es ist aber eher der Nachhall eines heftigen Antiklerikalismus, der dort hinaustönt, gemischt mit teilweise berechtigten Bedenken gegen eine Verflechtung von Katholizismus und Rechtsextremismus. Ein Teil der bezahlten Ordnertruppe beim Weltjugendtreffen rekrutiere sich aus ehemaligen Söldnern mit zweifelhaften Überzeugungen, behauptete die Wochenzeitung Canard enchainé in ihrer jüngsten Ausgabe.Le Monde griff die Nachricht auf, schwächte sie ab - und ergänzte sie gleichzeitig um einen Hinweis auf die organisatorische Mitverantwortung eines Präfekten, der sich nur allzugut mit dem Front National versteht. Die Mehrzahl der Franzosen gibt zwar noch an, katholisch zu sein, aber was heißt das genau?Keine acht Prozent gehen sonntags zur Kirche.Es gibt in Frankreich heutzutage fast ebenso viele praktizierende Katholiken wie Muslime.Für die Franzosen ist Religion eine Sache von alten Leuten: Achtzig Prozent aller Beerdigungen sind kirchlich.Mehr als sechzig Prozent aller Priester sind im Rentenalter.Der Anteil der Taufen hingegen ist innerhalb von zwanzig Jahren um ein Viertel gesunken.Mit dem Kon zept der Sünde können junge Leute kaum noch etwas anfangen, wie eine große Umfrage gezeigt hat, und ob der Papst ihnen etwas zu sagen hat, wagt in einem Nebensatz inzwischen sogar der kirchliche Figaro zu bezweifeln: Warum soll ausgerechnet ein Ma nn, der ihr Groß- oder Urgroßvater sein könnte, die Hauptattraktion beim Weltjugendtreffen sein? Jeder Versuch zur Modernisierung birgt die Gefahr der Banalisierung.Der optische Schnickschnack, mit dem das Treffen eine dezidiert französische Note erhalten soll, ist noch halbwegs verständlich.Jean-Charles de Castelbajac hat die Gewänder des Papstes, der Priester und Diakone entworfen.Christian de Portzamparc ist für die Kulisse des Hauptschauplatzes, des Hippodroms von Longchamp, verantwortlich.Und vom Designer Sylvain Dubuisson, der sich bislang eher als Hofeinrichter des ehemalig en Kulturministers Jack Lang einen Namen gemacht hat, stammt der Becher für die Feldmesse am Sonntag.Aber was um Himmels willen wird die "Umweltdebatte im André-Citroën-Park" von anderen Umweltdebatten auf der Welt unterscheiden, was macht das B esondere aus am "Cybercafé mit Dominikanermönchen"?Und der Besuch in Disneyland?