Fast 200 000 Menschen gleichzeitig im Ausstand - das hat es in den Vereinigten Staaten seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr gegeben.

Entsprechend waren die Reaktionen, als in der vergangenen Woche die Teamster-Gewerkschaft ihre Mitglieder beim amerikanischen Paketdienst-Giganten UPS zum Streik aufrief: Fernsehen und Rundfunksender reportierten rund um die Uhr in den Zeitungen wurden ganze Seiten mit Hintergrundberichten und Kommentaren gefüllt. Der Streik avancierte sehr schnell zum nationalen Großereignis.

Das lag nicht nur daran, daß von dem Ausstand sehr schnell Tausende kleine und mittlere Unternehmen in allen Winkeln des Landes betroffen waren. Der Streik der UPS-Arbeiter legte den Finger auch in eine offene Wunde des amerikanischen Wirtschaftswunders: den wachsenden Abstand zwischen Löhnen und Profiten - und die zunehmende Beschäftigung von schlechtbezahlten Teilzeitkräften in Industrie und Dienstleistungsgewerbe. "Der Streik", zitierte die New York Times den Arbeitsrechtler Richard Hurd, "stößt bei all jenen Menschen auf Resonanz, die sich über downsizing, Zeitarbeit und die schwindende soziale Verantwortung der Unternehmen in Amerika Sorgen machen."

Der prozentuale Anteil der Betriebsgewinne am Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten ist in diesem Jahr auf den höchsten Stand seit 1968 gestiegen der Anteil der Löhne liegt unterdessen so niedrig wie seit zehn Jahren nicht mehr. Gleichzeitig werden derzeit gut zwanzig Millionen Amerikaner - achtzehn Prozent aller Arbeitnehmer - als Teilzeitkräfte beschäftigt. Die wenigsten sind sozial abgesichert, nur die Hälfte erhält bezahlten Urlaub. Die Stundenlöhne der Zeitarbeiter sind in der Regel um ein Drittel geringer als bei ihren festangestellten Kollegen.

Damit wurde Teilzeitarbeit für Amerikas Unternehmen in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Mittel, um Kosten und Löhne zu senken, in einem härteren nationalen und internationalen Wettbewerb zu bestehen und die Gewinne zu steigern. Bei UPS arbeiten inzwischen 60 Prozent aller Beschäftigten weniger als vierzig Stunden in der Woche, 1986 waren es dagegen nur 42 Prozent. Anfang der achtziger Jahre verdiente ein Teilzeitarbeiter des Unternehmens neun Dollar pro Stunde, vier Dollar weniger als sein vollbeschäftigter Kollege. Heute bekommt der Vollzeitarbeitnehmer einen Stundenlohn von zwanzig Dollar - die kürzer arbeitenden Beschäftigten müssen sich hingegen mit nur neun Dollar in der Stunde begnügen.

Mit dieser Entwicklung wächst in den USA nicht nur der Abstand zwischen Arm und Reich insgesamt immer mehr bilden sich auch zwei Arbeiterklassen mit einem höchst unterschiedlichen Lebensstandard heraus. Auf der einen Seite stehen gutbezahlte Facharbeiter und Langzeitbeschäftigte, die in ihrem Betrieb zudem meist eine umfassende soziale Absicherung genießen.

Teilzeitarbeiter dagegen können von ihrem Lohn allein nicht leben und haben häufig weder eine Kranken- noch eine Altersversicherung. Mehr noch als ihre Vollzeit-