Von einem Liebesverhältnis darf man wohl nicht reden - dazu sind die Wunden zu frisch, die Krupp dem Thyssen-Konzern erst im März mit der Absicht einer feindlichen Übernahme geschlagen hat. Doch bei den Verhandlungen über die Bildung der damals beschlossenen gemeinsamen Stahlgesellschaft, die noch in diesem Monat abgeschlossen werden sollen, entwickelte sich das Klima offenbar so erfreulich, das nun auf weiteren Gebieten nach Möglichkeiten zu einer Zusammenarbeit gesucht wird.

Die Verschmelzung zu einem Unternehmen ist zwar nicht das Ziel der im Herbst beginnenden Gespräche sie wird aber nicht ausgeschlossen. Denn wenn man sich bei immer mehr Geschäftsfeldern auf gemeinsame Unternehmen verständigt, dann stellt sich die Frage, ob man überhaupt noch zwei Konzernspitzen braucht.

Eine Fusion zwischen Thyssen und Krupp setzt allerdings voraus, daß Berthold Beitz dazu seinen Segen gibt. Ohne den Vorsitzenden der Krupp-Stiftung läuft bei Krupp nichts. Beitz gebietet über etwas mehr als fünfzig Prozent der Aktien und kann damit alle Fusionspläne über den Haufen werfen. Und Beitz, der sich als Wahrer Kruppscher Traditionen sieht, hätte durchaus gute Gründe, sich einer Fusion zu widersetzen, würde die doch unweigerlich dazu führen, daß die von Alfried Krupp geschaffene Stiftung auf das neue Unternehmen, in dem Krupp dann aufginge, keinen beherrschenden Einfluß mehr hätte.

Aber offenbar ist für Beitz dieser Einfluß der Stiftung kein Dogma mehr. Er weiß, daß auch eines Tages ohne eine Fusion der Anteil der Stiftung auf weniger als fünfzig Prozent fallen wird. Krupp kann nicht auf Dauer ohne die Zufuhr neuen Kapitals überleben, aber die Stiftung kann sich an einer Kapitalerhöhung nicht beteiligen, weil sie dazu kein Geld hat. Sie lebt von den Krupp-Dividenden. Und die kann sie nur einmal ausgeben - entweder für ihre gemeinnützigen Ziele oder für Kapitalerhöhungen.

Natürlich könnte Beitz verhindern, daß der Einfluß der Stiftung noch zu seinen Lebzeiten schwindet, ohne dabei die Existenz des Unternehmens aufs Spiel zu setzen. Mit der Ausgabe stimmrechtsloser Aktien käme zwar Geld in die Kasse, und die Stiftung behielte ihren Einfluß. Aber auf Dauer taugt ein solches Instrument nicht. Beitz hat sich deshalb offensichtlich damit angefreundet, selbst bei der Lösung des Problems mitzuwirken. Einmal deshalb, weil er an seiner Stifterfunktion unverhohlen Freude hat. Zum anderen wohl auch, weil ihm das Wohl der "Kruppianer" am Herzen liegt. Das ist vermutlich im Verbund mit Thyssen besser gewahrt als bei einem Alleingang. Im übrigen kann er sich - wenn es denn wirklich zur Fusion kommen sollte - damit trösten, daß die Stiftung mit einem Anteil von vielleicht zwanzig Prozent größter Aktionär des neuen Unternehmens wäre. An Berthold Beitz und der Stifung ginge auch da kein Weg vorbei.