Ein neues Gespenst geht um in Deutschland: die Unbeweglichkeit von Politik und Gesellschaft, die "neue deutsche Lethargie". Seit der Berliner Rede des Bundespräsidenten hört man diese Klage nun an allen Ecken und mit nur dem einen Ende: Wir hätten "die schwerste Krise in den fast fünfzig Jahren der Republik", wie Christoph Bertram soeben in der ZEIT (Nr. 33/1997) schrieb. Dieser Alarm ist sicherlich gut gemeint. Doch bei näherem Hinsehen spricht viel dafür, daß es sich dabei um falschen Alarm handelt.

Während nämlich die rechtschaffenen Mahner und Warner das Land zu bekehren und belehren trachten - Denket um, denn das Ende ist nahe! -, sind Land und Leute längst in Bewegung geraten, verändert sich die Gesellschaft von den Graswurzeln her, werden die Kulissen umgestellt für ein anderes Stück.

Offenkundig verkennen die Alarmisten unserer Tage Geschichte und Gegenwart der Bundesrepublik. So sind sie Teil des Problems geworden, dessen vermeintliche Unlösbarkeit sie laut beklagen. Es wird Zeit, das Thema zu wechseln und einen neuen Akkord anzuschlagen: Das Land braucht Lust auf Zukunft statt Klagen über die Gegenwart.

Die Geschichte der Bundesrepublik war von Anfang an eine Geschichte überraschender Reformen und Revisionen. Die SPD brauchte drei Wahlniederlagen, um ideologischen Ballast abzuwerfen, Marktwirtschaft und westliche Allianz zu akzeptieren. Danach sahen viele schwarz für die Ost- und Entspannungspolitik der sozialliberalen Koalition. Die Regierung Kohl überraschte dann mit Kontinuität: "Die Deutschen werden sich niemals ändern."

Nach 1945 gab es gute Gründe für diesen Anfangsverdacht. Heute gibt es kein vergleichbares Land mit Verhältniswahlrecht, das rechtsradikale Parteien so wirksam draußen vor der Tür hält. Nach 1989 wiederum Angst und Sorge: vor Preußens Gloria, deutscher Hegemonie, nationaler Hybris. Wieder kam alles anders als erwartet. Es ist ein Muster deutscher Politik, auf das man sich verlassen kann: Der Rhetorik des Konflikts folgen erst eine Zeit der Erstarrung, dann Konsens und Wandel.

Und sie bewegt sich doch: Das gilt, bei aller Orthodoxie diverser Lehrämter, heute bis hinein in die Mitte der Gesellschaft. Von den Flächentarifverträgen wird bald, vor kurzem noch undenkbar, mit Zustimmung der Gewerkschaften und Betriebsräte, nicht viel mehr übrig bleiben als damals im Godesberger Programm vom Sozialismus: der Begriff und eine Hoffnung.