LONDON. - Sie waren groß, muskulös und trotz ihres schlechten Rufes ziemlich gescheit. Aber die Rolle und das Schicksal der berühmtesten Höhlenmenschen Europas, der Neandertaler, haben der Wissenschaft jahrzehntelang Rätsel aufgegeben. Waren diese Leute aus Urzeiten die Ahnen aller Menschen europäischen Ursprungs? Oder waren sie nur evolutionäre Vettern, die vor 30 000 Jahren in Höhlen Frankreichs oder Spaniens ausstarben?

Viele Jahre dominierten die Vertreter der Ahnentheorie die wissenschaftliche Debatte. Aber im vergangenen Jahrzehnt mußten sie, wenn auch verbittert, vor neuen Untersuchungsergebnissen kapitulieren: Neandertaler waren trotz ihres modernen, menschenähnlichen Benehmens - zum Beispiel der Fürsorge für ihre Verletzten und der Beerdigung ihrer Toten - nicht unsere Vorfahren.

Schädelformen, die Größe von Bein- und Armknochen und die Altersbestimmung der Fundstücke deuten darauf hin, daß die Europäer nicht von Neandertalern abstammen, sondern von Menschen, die die Neandertaler verdrängten. Und die Forschungsarbeit von Svante Pääbo an der Universität München könnte die Debatte definitiv beendet haben.

Pääbos Mannschaft hat Neandertal-DNA extrahiert, vervielfältigt und gezeigt, daß sie sich von unserem Erbgut deutlich unterscheidet. Sie ist mit Sicherheit keine DNA einer Spezies, die ein unmittelbarer Vorfahr des Homo sapiens ist: Die Neandertal-Linie hat sich vielmehr vor mehr als einer halben Million Jahre von der unsrigen getrennt.

Aber wenn unsere Gene nicht vom Neandertaler stammen, woher dann? Diese Fragen sind im Nachklang zu Pääbos aufregender Arbeit weitgehend ignoriert worden. Die Antworten sind jedoch wichtig, denn sie sagen uns viel über unsere eigene Natur und Identität: Wir sind alle jüngeren afrikanischen Ursprungs.

Die Menschen, die die Neandertaler vor vierzig Jahrtausenden ablösten, die Cro-Magnon, begannen vor weniger als hunderttausend Jahren von Afrika aus aufzutauchen. Die afrikanischen Einwanderer verdrängten schließlich alle anderen menschlichen Spezies - die Neandertaler in Europa, die Java-Menschen und die Abkömmlinge des Peking-Menschen in China.

Die Auswirkungen dieser Erkenntnisse auf die Rassentheorien sind tiefgreifend. Wenn die moderne Menschheit sich aus Abkömmlingen weniger afrikanischer Pioniere jüngeren Datums zusammensetzt, dann ist klar, daß der Homo sapiens eine auffallend homogene Spezies sein muß. Wir hatten einfach nicht die Zeit, auf irgendeine bedeutsame Weise genetisch voneinander abzuweichen.