Wer den Heidelberger Anatomieprofessor Gunther von Hagens zu Hause besucht, muß darauf gefaßt sein, daß er unvermittelt ein menschliches Herz in die Hand gedrückt bekommt. Wie Hartgummi fühlt es sich an, ist trocken, geruchlos und in der Mitte durchgeschnitten. "Stecken Sie ruhig den Finger in die Herzkammer", sagt der Professor dann freudig, "genauso machen es meine Studenten." Später, beim Kaffee, läßt er millimeterdünne Gehirn- und Beinscheibchen kreisen, hält sie gegen das Licht und schwärmt von den Farben: "Sehen die nicht aus wie Kirchenfenster?"

Stillzusitzen fällt Gunther von Hagens schwer, länger als drei Minuten hält er das nicht aus. Als Kleinkind sei er auf der Flucht mit der Familie im Treck von Posen nach Thüringen am Ende des Zweiten Weltkriegs tagelang im Korbwagen geschüttelt worden, erzählt der heute 52jährige und sieht darin die Ursache für seinen Drang nach pausenloser Bewegung. Vielleicht ist sein zwanghafter Aktionismus aber auch eine Art Rückversicherung der eigenen Lebendigkeit, ein Abwehrmechanismus gegen den Tod. Denn der begegnet ihm täglich.

Sechs gehäutete Leichen, Muskeln und Adern frisch bemalt, baumeln an einer Metallstange. Dahinter macht sich ein Praktikant zu schaffen, kratzt mit silbernem Besteck Gewebereste von einem Schultergelenk. In den Truhen, die sich bis zur Decke stapeln, liegen noch drei Leichen und ein halbes totes Pferd.

Mit armlangen Gummihandschuhen greifen der Meister und drei seiner Mitarbeiter in eine der Truhen und wuchten ein Präparat aus dem eiskalten Silikonkautschuk. Der tropft in rosafarbenen Fäden ab. "Ein anatomischer Schatz", sagt einer, "die junge Frau starb an einer Hirnhautentzündung. Jahrelang wurde sie an einer Universität konserviert, weil sich keiner herantraute." Die geöffnete Bauchdecke gibt den Blick auf einen vier Monate alten Fötus frei.

Die Szenerie scheint makaber. Gunther von Hagens' privates Institut für Plastination liegt in einem Gewerbegebiet am Rande von Heidelberg. Durch den Hinterhof, zugemüllt mit Ziegelsteinen, Chemikalienkübeln und Plastikmatten, rattert die Eisenbahn. Die Hallenwände und der Boden sind so grau und rauh, wie sie der Vorbesitzer, ein Automechaniker, zurückließ. Wo die präparierten Leichen am Eisenhaken hängen, wurde früher lackiert. Überall Kompressoren, Edelstahlwannen, Zangen, Bohrer, OP-Leuchten, ein Gabelstapler, eine riesige Spezialbandsäge, ein Kran an der Decke. Handwerkszeug für Anatomen.

Seit zwanzig Jahren präpariert von Hagens Totes für die Ewigkeit: Kadaver und tierische Organe, menschliche Arme, Beine, Gehirne, Infarktherzen, Raucherlungen, vom Krebs überwucherte Lebern - seit einigen Jahren und als einziger auf der Welt präpariert er auch ganze Leichen. Anstatt sie wie üblich in formalingefüllten Behältern zu konservieren, wo sie ausbleichen und kaum länger als 150 Jahre überdauern, wendet er ein simples, aber geniales Prinzip an, das er Plastination nennt: Im Vakuumverfahren entzieht er dem Gewebe Wasser und Fett und füllt es mit Kunststoff, meist Silikonkautschuk. Nach demselben Verfahren bearbeitet er zwei bis acht Millimeter dicke Scheiben, die er aus tiefgefrorenen Organen, Extremitäten und ganzen Leichen sägt. Die Präparate sind unverrottbar, gewissermaßen postmortal unsterblich. Anatomieinstitute in aller Welt arbeiten nach dem patentierten Verfahren und kaufen bei von Hagens' Firma Plastinationsequipment von der Bandsäge bis zu Spezialkunststoffen.

Bei der Ausbildung von Medizinstudenten ersetze nichts das reale Präparat, weder Zeichnungen noch Bilder, begründet von Hagens seine Methode. "Anatomieatlanten sehen oft noch so aus wie vor fünfzig Jahren." Und anatomische Modelle zeigten nur den Durchschnitt, nicht die individuelle Ausprägung eines Körpers. Die Studenten seien von seinen Präparaten fasziniert. "Plastination hat die Qualität der dritten Dimension bis in den mikroskopischen Bereich, man erkennt Krankheiten oder abnorme Organausbildungen. Alles ist echt - und das kann ja nie falsch sein."