Hamburg, nördliche Stadt. Ewiger Durchzug, Schietwetter. Doch heute, Sonntag morgen, sieht unsere kleine Welt wie verzaubert aus. Ein unendlich hoher, unsäglich blauer Himmel wölbt sich italienisch über uns. Die Nachtigall hat ihr musikalisches Werk vollendet, die Baumaschinen stehen still, und dieser Gesang des Schweigens ist noch schöner als das Lied des Vögelchens.

Heute ist kein Tag wie andere Tage. Sonntag ist heute, ein Tag wie für die Ewigkeit. Und nun hinaus ins Freie! Gottes schöne Welt wartet schon, es ist noch nicht einmal neun.

Eine Zeile Glück.

Dann aber fällt unser Blick ins Schaufenster der nachbarlichen Apotheke. Eine Warntafel darin, mit riesengroßen Lettern: "Fußpilz kann jeden treffen! Jeder vierte hat ihn schon!"

Keine Zeile Glück mehr! Von vier Zeilen Glück nämlich hätte wenigstens eine den Fußpilz. Der Fußpilz kann jeden journalistischen Text befallen, auch den Leitartikel, sogar die Theaterkritik, es ist tragisch - wenngleich die Gefahr des Pilzbefalls in den Theaterferien naturgemäß deutlich geringer ist als während der Hochsaison.

Man kennt das ja aus dem Leben: diesen jähen Absturz aus der Euphorie in den Seelenjammer. Mitten im wunderbarsten Augenblick (am Meer, im Bett, beim Elfmeterschießen) kann er dich treffen, der Blitz der Vergänglichkeit. Eben noch hatten wir dieses Kleistgefühl: "Nun o Unsterblichkeit ..." Doch dann packt uns die Schillergewißheit: "Auch das Schöne muß sterben." Nänie. Eros und Tod, von der Seligkeit zum Schauder: ein immerhin klassischer Fall.

Aber vom blauen Sommerhimmel erdwärts hinab zum Fußpilz: Das ist banal, das ist niederträchtig. Und setzt sich auch noch in unserem Kopf fest wie ein ordinärer Schlager: "Fußpilz, Fußpilz / Jeden kann es treffen / Jeder vierte hat ihn schon." Das ist der Rap, der uns den ganzen Sonntag nicht mehr verlassen wird - bis unsere Füße, Pilz oder Nichtpilz, endlich müde sind.