Der amerikanische Bestsellerautor und Drehbuchschreiber Michael Crichton sei die Verkörperung und Kapitalisierung des Zeitgeistes, meinte unlängst der New Yorker. Michael Crichton, Erfinder (oder Entdecker?) des "Jurassic Park" und anderer vergessener Welten ist der amerikanische Enkel von Jules Verne. Beide haben einen Mut zu Visionen, der Wissenschaftlern oft abgeht. Wie schnell Science-fiction dabei zur Science-faction werden kann, bewies Crichton jetzt bereits zum zweiten Mal mit seinem Saurier-Thriller "Lost World - Vergessene Welt", der jetzt als Film in die Kinos gekommen ist.

Zum ersten Mal gelang ihm das 1993. Im von Steven Spielberg verfilmten "Jurassic Park" wird die Erbsubstanz DNA von Dinosauriern entdeckt, und zwar im Darm von Stechmücken, die in Bernstein konserviert waren. Die gentechnisch wiederbelebten Schreckensechsen machen daraufhin Jagd auf die ersten Besucher des Dino-Parks. Der Streifen wurde zu einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten und hat obendrein durchaus einen wissenschaftlichen Hintergrund. Tatsächlich wird seit 1992 im Bernstein konservierte DNA aus der Zeit der Saurier gefunden. Daraus Lebewesen molekulargenetisch gleichsam wiederauferstehen zu lassen bleibt allerdings krause Phantasie.

Indes, anfangs war schon der bloße Gedanke, daß sich Erbsubstanz über Millionen Jahre erhalten könnte, als unseriös abgetan worden. Doch bereits 1982 wies der kalifornische Insektenforscher George Poinar auf diese Möglichkeit hin, und der hellsichtige Crichton bastelte daraus einen Roman. Als hätten sich Forschung und Fiktion heimlich verabredet, meldeten pünktlich zum Kinostart von "Jurassic Park" zwei Forscherteams (auch Poinar selbst war dabei), daß sie rund dreißig Millionen Jahre alte DNA aus in Bernstein eingeschlossenen Insekten isoliert und sequenziert hatten. Crichtons Dino-Thriller sorgte übrigens nicht nur für volle Kinokassen, sondern verhalf auch der molekularen Paläontologie zu Auftrieb und Ansehen - und indirekt zu Forschungsmitteln.

Seinen sicheren Instinkt für die Verbindung von Dichtung und Wahrheit bewies Crichton auch mit seinem Buch "Vergessene Welt". Während der amerikanische Saurier-Experte Jack Horner Anfang der achtziger Jahre für die These, Dinos seien gute Eltern gewesen und hätten in Bodennestern sogar kolonieweise gebrütet, noch Hohn und Spott seiner Kollegen erntete, griff Crichton wieder zu. In seinem jüngsten Saurier-Roman verkehrt er das Klischee der Schreckensechsen ins Gegenteil: Er macht aus räuberischen Dinos fürsorgliche Eltern mit ausgeprägtem Sozial- und Brutpflegeverhalten. Wieder ist er damit hoch aktuell, denn vor wenigen Monaten gelang amerikanischen Paläontologen in der Wüste Gobi ein spektakulärer Fund - das guterhaltene versteinerte Skelett eines rund achtzig Millionen Jahre alten straußengroßen Oviraptors. Das auf seinen Hinterbeinen laufende Reptil wurde in eigentümlicher Hocke mit untergezogenen Beinen und ausgebreiteten Armen gefunden, darunter ein komplettes Gelege aus knapp zwei Dutzend Eiern. Das Elterntier war möglicherweise bei einem heftigen Sandsturm -, noch auf dem Nest sitzend, umgekommen und so in der typischen Bruthocke konserviert worden.

Das Fossil ist Beleg für die Vermutung, Dinosaurier hätten ihre Eier ähnlich wie Vögel bebrütet. Brutstrategie wäre damit keineswegs eine Erfindung der Vögel. Und die Beschreibung sozialer Dinos in Crichtons "Lost World" dürfte dem tatsächlichen Verhalten der urzeitlichen Echsen näherkommen als die meisten Sach- und Fachbücher. Crichton gibt mit seinen Dino-Thrillern daher dem Genre eine neuartiges Vorbild: Science-fiction plus wissenschaftliche Theorien.