Ein ZEIT-Gespräch mit Intel-Chef Andrew Grove über die Dominanz des Chipproduzenten und die Technophobie in der Bundesrepublik

ZEIT: Der Titel Ihres neuen Buches, "Nur die Paranoiden überleben", erstaunt. Intel liefert neunzig Prozent der Mikroprozessoren für PCs, macht fünf Milliarden Dollar Gewinn. Wovor sollten Sie denn Angst haben?

Grove: Vor der Konkurrenz natürlich. Die kommt von allen Seiten. Und selbst wenn das nicht so wäre: Angst hilft, Mitarbeiter zu mobilisieren, gerade in Zeiten des Erfolgs. Angst macht ihnen klar, daß Erfolg sehr kurzlebig sein kann.

ZEIT: Sie schreiben vor allem über die Angst vor "strategischen Wendepunkten". Was meinen Sie damit?

Grove: Bei einem solchen Wendepunkt ändert sich das Geschäft eines Unternehmens von Grund auf. Nehmen Sie das Internet. Es könnte die Computerindustrie völlig auf den Kopf stellen. Wenn wir uns darauf nicht einstellen, läuft Intel Gefahr, sehr schnell nur noch Zuschauer zu sein.

ZEIT: Etwa wenn sich billige Internet-Geräte mit weniger leistungsfähigen Chips durchsetzen, die ihre Software vor allem aus dem Netz bekommen?

Grove: Genau. Wenn der PC gegen diese Billiggeräte bestehen soll, müssen wir seine Stärken herausstreichen: Programmierbarkeit, Leistungsfähigkeit, breite Anwendungsmöglichkeiten ...

ZEIT: Um was zu machen?

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Grove: Online-Shopping beispielsweise. Grundsätzlich ist es natürlich möglich, mit einem kleinen, billigen und wenig flexiblen Gerät im Netz einzukaufen. Wenn Online-Shopping aber dem realen Erlebnis entsprechen soll, bei dem Sie Waren in die Hand nehmen, sie herumdrehen oder auf das Etikett schauen - dann brauchen sie einen PC. Nur damit, davon bin ich überzeugt, werden wir die Menschen von der realen in die elektronische Einkaufswelt locken können.

ZEIT: Sie haben mal gesagt, die Leute wollen keine dümmeren Computer. Das mag sein. Aber sie wollen sicher einfachere Computer. Ein PC ist immer noch ziemlich schwierig zu bedienen. Ist das der Grund, warum die Idee eines einfachen Internet-Geräts so bestechend ist?

Grove: Das ist doch alles relativ. Ein PC ist gar nicht so kompliziert. Es ginge sicher bedienungsfreundlicher, aber im Prinzip kann das ein Dreijähriger. Der PC leidet heute noch unter seinem schlechten Ruf, der in den frühen Jahren sicher gerechtfertigt war. Heute ist das anders.

ZEIT: Sie behaupten auch, der PC werde bald eine ernstzunehmende Alternative zum Fernsehen. Wie wird denn das TV-Gerät der Zukunft aussehen?

Grove: Schwer zu sagen. Sicher wird es eine Art Modem geben, das Informationen aus dem Internet auf den Bildschirm bringt. Technisch ist das kein Problem und auch nicht teuer.

ZEIT: Aber das verändert den Fernseher nicht, sondern gibt ihm nur zusätzliche Funktionen.

Grove: Richtig. Es ist klar, wie sich der Nutzer eines PCs verhält. Genauso wissen wir, was ein Fernsehzuschauer macht. Aber gibt es Menschen, die vor der Glotze sitzen und dann auch noch durch das Internet surfen wollen? Ich habe da meine Zweifel, ob Kompromißlösungen - neunzig Prozent Fernseher, zehn Prozent Computer oder umgekehrt - großen Gefallen finden werden.

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ZEIT: Aber es gibt, wie Sie schreiben, den "Kampf um die Augäpfel" - also den Wettbewerb zwischen PC und TV um die Aufmerksamkeit der Menschen?

Grove: Es geht darum, ob Leute vor ihrem Computer sitzen oder vor dem Fernseher. Deswegen machen wir den PC ständig erlebnisreicher, etwa durch Sound, Multimedia oder 3 D - und haben damit offensichtlich Erfolg: Die Haushalte in den Vereinigten Staaten, die einen PC haben, sehen nur halb soviel fern wie die ohne.

ZEIT: Also noch mehr Geschäft für Sie. Es scheint so, als ob die Märkte der Computerbranche jeweils von einem Unternehmen mit 70, 80 oder gar 90 Prozent Marktanteil regiert werden. Intel ist ein Beispiel, Microsoft sowieso, aber auch der Netzcomputerproduzent Cisco oder Intuit, der Anbieter von Finanz-Software. Wie erklären Sie das?

Grove: Diese Unternehmen konzentrieren sich auf einen Markt, in dem sie erfolgreich sind, und arbeiten hart. Und je größer sie werden, desto schneller wachsen sie. Economies of scale nennt man das, Größenvorteile.

ZEIT: Was sagen Sie zu der Kritik von Robert Palmer, dem Chef des Computerkonzerns Digital Equipment? Intel, meint der, habe eine "Monopolposition" und sei "eine Gefahr für den Wettbewerb, die Grundlage von Innovation und Wachstum in der Computerindustrie".

Grove: Ich werde doch nicht auf unflätige Dinge antworten, die irgendwelche Leute aus irgendeinem Grund gesagt haben. Wir haben unseren Erfolg nicht einem reichen Onkel zu verdanken. Wir haben ihn uns verdient - Produktzyklus für Produktzyklus. Wir haben ziemlich mutig in unsere Technologie investiert. Und dieser Einsatz hat sich ausgezahlt.

ZEIT: Trotzdem scheint es, als ob bei Intel - wie bei Microsoft - mit dem Erfolg auch die Kritik größer wird. In den Diskussionsforen des Internet beispielsweise sind Intels Gewinne ein Dauerthema. Manche Leute meinen, fünf Milliarden Dollar Profit bei zwanzig Milliarden Umsatz sei nachgerade obszön.

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Grove: Auf dem Internet salbadern mehr als siebzig Millionen Menschen. Da muß es auch ein paar negative Stimmen geben. Unsere Marktforschung sagt uns, daß unser Produkt und unser Unternehmen beim Verbraucher hoch angesehen sind.

ZEIT: Zurück zu den strategischen Wendepunkten. Erstmals seit Jahren hat Intel ernstzunehmende Konkurrenz: AMD und Cyrix haben Chips auf dem Markt, die fast so schnell sind wie Ihre und dazu noch weit billiger.

Grove: Das ist überhaupt nichts Neues. Wir sind 1971 in das Mikroprozessor-Geschäft eingestiegen. Seitdem hat es nicht ein einziges Jahr gegeben, in dem wir nicht mindestens ein oder zwei Wettbewerber hatten.

ZEIT: Intel hat aber gerade seine Preise stärker gesenkt als üblich. Keine Reaktion auf die Konkurrenz?

Grove: Wir würden unsere Preise wohl auch ohne Wettbewerber genauso stark senken. Denn in unserem Geschäft kommt es, wie gesagt, auf Volumen an. Und wenn wir unsere Chips nicht zu den entsprechenden Preisen anbieten, dann erreichen wir es nicht.

ZEIT: Sie schreiben, strategische Wendepunkte gibt es nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Menschen. Wie überlebt man die immer brutalere Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt?

Grove: Indem man immer wieder die Schulbank drückt. Karriere ist konstantes Lernen. Was heute wichtig ist, war gestern möglicherweise unwichtig.

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ZEIT: Gilt das auch für Nationen?

Grove: Aber sicher. Die achtziger Jahre waren ein strategischer Wendepunkt für die Vereinigten Staaten. Das schier grenzenlose Wachstum der Nachkriegsjahre war endgültig vorbei. Die Japaner überrollten eine Branche nach der anderen - Autos, Chips, Elektronik. Die Anpassung war schmerzhaft, aber erfolgreich. Unsere Branche, aber auch die Automobilindustrie sind gestärkt aus den achtziger Jahren hervorgegangen.

ZEIT: Und Ähnliches passiert derzeit in Deutschland?

Grove: Ich glaube schon. Allerdings frage ich mich, ob die deutschen Unternehmer heute ähnlich aggressiv auf die Entwicklung reagieren, wie es ihre amerikanischen Kollegen getan haben. Mir scheint, sie haben nicht genug Angst.

ZEIT: Sind die Deutschen zu selbstgefällig?

Grove: Das weiß ich nicht. Aber wenn ich meine Branche betrachte, dann sehe ich, daß neue Techniken nicht gerade aggressiv übernommen werden.

ZEIT: Beispielsweise E-Mail.

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Grove: Ganz genau. Bei einer Besprechung mit deutschen Managern wurde ich kürzlich doch tatsächlich gefragt, wie ich überhaupt mit E-Mail arbeiten könne. Von der würde man doch geradezu überschwemmt.

ZEIT: Das ist doch nicht falsch. Nicht immer steigert Technologie die Produktivität. E-Mail ist in vielen amerikanischen Unternehmen zu einem regelrechten Zeitdieb geworden.

Grove: Quatsch. Auch das Telephon, auch Zeitungen wären dann ja Zeitdiebe. Ich jedenfalls kann ohne E-Mail nicht mehr leben. Das ist mein wichtigstes Kommunikationsmedium. Damit verbringe ich zwei Stunden am Tag.

ZEIT: Sie haben mal gesagt: "Was technologisch möglich ist, wird auch gemacht." Ist das nicht ein beängstigender Gedanke?

Grove: Schon möglich. Aber es ist wahr. Zeigen Sie mir doch eine Technologie, die nicht gekommen ist, obwohl sie ausgereift und marktfähig war. Man kann Technologie nicht unter Verschluß halten. Sie können nicht bedenklich den Kopf schütteln und sagen: Diese Technologie mag ich nicht. Ein Konkurrent wird sie bestimmt verwenden. Sie können in Deutschland nicht einfach sagen: Ich benutze keine E-Mail.

ZEIT: Sie sind 1956 von Ungarn in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Hätten Sie auch in einem westeuropäischen Land, etwa Deutschland, genauso erfolgreich sein können?

Grove: In meinem Feld hätte ich anderswo sicher nicht soviel Erfolg gehabt. Allerdings ist SAP ein deutsches Unternehmen, daß immer mehr zu einer weltweiten Software-Macht wird. Es ist also möglich - selbst im Schwarzwald.

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ZEIT: Sind die Vereinigten Staaten so erfolgreich, weil sie vergleichsweise offen gegenüber Einwanderern sind?

Grove: Ja, das stimmt - noch, trotz des unschönen Wandels in der letzten Zeit. Mich hat dieses Land mit offenen Armen empfangen. Nachdem ich hier ankam, ging ich aufs City College in New York. Damals nutzten Osteuropäer diese Universität als Tor in die Vereinigten Staaten. Danach kamen die Kubaner. Heute sind es die Vietnamesen. Alle bekommen eine gute Ausbildung dort - und das Land hier sehr produktive Arbeitnehmer.