Der Andrang ist groß. Etwa siebzig junge Leute drängen sich in der Aula und wollen wissen, wie es sich hier studiert. Das ist, sagt der Dozent, eine Kunsthochschule. Betonung auf Kunst. Es gehe um die "Förderung der autonomen Gesten und starken Potentiale" und "widerständiger Gegenkräfte", Andreas Altenhoff redet eindringlich. Sitcom und Soap bekomme das Fernsehen schon von allein hin. Die potentiellen Studenten scheinen beeindruckt. Ein junger Mann, mit Rucksack und Schlafmatte angereist, fragt, ob er auch Phototechnik hier lernen könne. Er könne, ja, aber nur in der Perspektive künstlerischer Photographie.

Sieben Jahre ist die Kunsthochschule für Medien in Köln jetzt alt. Für so eine Einrichtung ist das nicht viel, und sie wächst auch gerade erst aus den Kinderschuhen heraus. In den ersten Jahren waren nur postgraduierte Studien möglich. Erst seit 1994 können Studenten ein komplettes achtsemestriges Studium absolvieren. Der Debütantenjahrgang wird also 1998 die Hochschule verlassen. In diesem Herbst wird die KHM, wie sie abgekürzt heißt, auch endlich voll im Lehr- und Ausbildungsbetrieb stehen: etwa 250 Studenten, 20 haupt- und 10 nebenberufliche Professuren.

Der nachdrückliche Hinweis auf die "Kunst" hat einen entstehungsgeschichtlichen Hintergrund. Anfänglich war nämlich sehr umstritten, was die KHM eigentlich sein solle, Absolventenlieferant für die großen Sender von WDR bis RTL oder Talentschmiede für Medienkünstler. Realiter ist sie wohl beides, und nach den Anfangsquerelen hat die Hochschule sich in diesem Spannungsfeld eingerichtet. Alfred Biolek lehrt hier neben Valie Export, der TV-Dokumentarist Horst Königstein neben dem britischen Komponisten Anthony Moore. Der Studienabschluß lautet für alle Studenten gleich, nämlich "Diplom audiovisuelle Medien". Im Ernstfall kann freier Künstler wie "Tatort"-Regisseur, CD-ROM-Produzent wie Museumskurator das Ergebnis sein. Es bewerben sich übrigens mehr Frauen als Männer um einen Studienplatz.

Als die Hochschule gegründet wurde, fielen starke Worte. "Wir wollen eine Hochschule", sagte 1990 die nordrheinwestfälische Kultusministerin Anke Brunn, "von der man später wird sagen können: Hier haben Menschen studiert, die den europäischen Film des 21. Jahrhunderts prägen, die das Fernsehen und alles, was man damit machen kann, kulturell revolutioniert haben."

Auch Medien-Revolutionen dauern gewöhnlich länger, als ihre Ausrufung verspricht. Von der politischen Rhetorik abgesehen, hält KHM-Rektor Siegfried Zielinsky den Anspruch für angemessen, die Hochschule sei "auf gutem Weg" dahin. Er hat eine lange Liste zur Hand, die aufzählt, welche Preise die Absolventen in den letzten Jahren eingeheimst und damit neben ihrem auch den Ruhm der Hochschule befördert haben. Ein Oscar für den Kurzspielfilm "Ein einfacher Auftrag" von Raymond Boy ist dabei. Oder Susanne Ofteringers dokumentarische Abschlußarbeit "Nico Icon", auf die im vergangenen Jahr ein Preisregen gefallen war. Auf einem Festival in Wroclaw gab's jüngst sämtliche Preise des polnischen Fernsehens und in Essen den Skulpturenpreis des Lehmbruck-Museums. Zielinskys Liste ist noch länger.

Sicher ist jedenfalls: Die Kölner Hochschule ist anders als andere Kunstakademien. Sie vereint unter ihrem Dach alle audiovisuellen Medien: Film, Fernsehen, Video, Computergraphik, Photographie, Holographie, Mediendesign, Medientheorie und -geschichte. Sie ist in ihrer Struktur den herrschenden Trends und Tendenzen angepaßt. Wo sich im Griff der Digitalisierung Genres auflösen, die Photographie ihren Abbildcharakter verliert, Computer in die traditionellen Medien einheiraten, da hilft kein traditioneller Fächerkanon. Technische Medien taugen nicht für genialische Einzelgänger, sie fordern Kooperation, Arbeitsteilung, Interdisziplinarität. Deshalb ist hier die Struktur des Studiums offen, durchlässig für Grenzgänger, hier geordnet und dort anarchisch. Meisterklassen wie an anderen Akademien gibt es nicht. Auch keine hierarchischen Fachbereiche, sondern gleichberechtigte Fächergruppen. Film/Fernsehen, Mediengestaltung, Medienkunst und Medientheorie.

Im Zentrum des Studiums steht nicht akademische Lehre, sondern Arbeit an Projekten, flankiert von Technik und Theorie. Vier Projekte müssen Studenten während ihres Studiums absolvieren. Dokumentationen oder Drehbücher, Videoinstallationen oder Musik-Clips, Werbespots oder Kurzspielfilme, was auch immer. Die Anforderungen an die Studenten, sich im offenen Angebot zurechtzufinden, sind groß. Sie müssen recht genau wissen, was sie wollen, aber dann "sind die Möglichkeiten wirklich groß", sagt Valie Export. Sie lehrt Multimedia-Performance.