Im Jahr 36 nach Markteinführung der Antibabypille ist Vergleichbares für den Mann immer noch nicht in Sicht. In weltweiten Studien im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gelang es zwar, die Fruchtbarkeit männlicher Probanden durch Injektionen von Hormonen auf nahezu Null zu drücken. Indes: "Die Entwicklung weiterer Produkte ist dringend erforderlich." Das forderten Wissenschaftler Ende Juni im "Weimarer Manifest zur männlichen Kontrazeption". Die internationale Gruppe unter Vorsitz Eberhard Nieschlags an der Universität Münster appellierte an die Pharmaindustrie, mit den nun notwendigen großen klinischen Studien zu beginnen. Dann könne es in drei bis fünf Jahren die Spritze für den Mann geben. Mit ihr ließe sich die Last der Kontrazeption gerechter zwischen Mann und Frau aufteilen und vielleicht sogar das Wachstum der Weltbevölkerung bremsen.

Männer sind sehr produktiv - zumindest was Spermien angeht. Jede Sekunde bildet ein Hoden rund tausend Samenfäden. Damit gekoppelt schüttet er Testosteron aus. Das Männlichkeitshormon, das auch für Bartwuchs und Libido sorgt, ist Teil des Regelkreises zwischen Hoden und Zwischenhirn. Über den Blutkreislauf gelangt das Hormon in die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und beeinflußt die Samenproduktion, die von dort aus über andere Botenstoffe gesteuert wird.

Mit einer Testosteronspritze läßt sich der Körper täuschen. Sie signalisiert der Hypophyse einen ausreichenden Hormonspiegel, woraufhin diese die Produktion von Testosteron in den Hoden stoppt. Damit kommen auch Bildung und Reifung der Spermien zum Erliegen. Ejakulieren können die so gedopten Männer immer noch - bei Kraftsportlern ist Testosteron ein beliebtes, aber verbotenes Dopingmittel. Menge und Aussehen des Spermas, das dann nur noch aus Sekreten der Bläschendrüse, der Prostata und der Nebenhoden besteht, ändern sich nicht spürbar.

In einer Studie der WHO, die vergangenes Jahr veröffentlicht wurde, ließen sich 399 Männer aus sieben Ländern wöchentlich eine Testosteronspritze verpassen. Nach drei- bis fünfmonatiger Behandlung ging bei mehr als 98 Prozent von ihnen die Anzahl der Spermien im Ejakulat auf ein Minimum zurück. Während der zweijährigen Untersuchungsdauer zeugten vier der Probanden ein Kind. Die Antibabyspritze für ihn erwies sich damit als ebenso sichere Verhütung wie die Pille für sie. Nach dem Absetzen der Injektionen dauerte es durchschnittlich 200 Tage, bis sich die ursprüngliche Zeugungsfähigkeit wieder einstellte. Nebenwirkungen traten selten auf. Vereinzelt registrierten die Forscher Akne, Gewichtszunahme sowie erhöhte Aggressivität und Libido.

Aber: Wer will schon jede Woche zum Arzt und sich in den Po stechen lassen? Doch als Tablette geschluckt wird Testosteron rasch in der Leber abgebaut. Abhilfe könnten Implantate unter der Haut schaffen, die ihren Inhalt langsam freigeben. Ein Abkömmling des Hormons, Testosteron-Buciclat, müßte nur jedes Vierteljahr gespritzt werden. Seine langfristigen Nebenwirkungen sind indes bisher nicht ausreichend erforscht.

Viele Wissenschaftler hoffen auf Methoden, die im Kopf ansetzen. Mit einem sogenannten Antihormon etwa läßt sich die Ausschüttung der Botenstoffe verhindern, mit denen die Hypophyse die Hoden ansteuert. Da mit rückgängiger Spermienproduktion die Herstellung von Testosteron einschläft, muß auch in diesem Fall das Männlichkeitshormon injiziert werden. In einer Studie stellte Nieschlag kürzlich in Münster fest, daß die Zahl der Samenfäden aller acht Probanden in wenigen Tagen auf Null sank. Das Antihormon mußte allerdings täglich gespritzt werden.

An sich wäre es ganz einfach, die Hoden zur Muße anzuhalten. Erwärmen sie sich auf 37 Grad, stellen sie die Spermienproduktion ganz oder weitgehend ein. Eine beheizbare Unterhose täte es daher bereits. Oder man drückt die Hoden in den sogenannten Inguinalkanal der Leistenregion mittels besonderer Unterwäsche. Ob die jemals Mode wird, ist indes fraglich.