Daß eine trostlos trockene Materie wie die Rechtschreibung, die ungestört von jeder Spur öffentlichen Interesses jahrzehntelang vor sich hin lottern durfte, einmal den Unterhaltungswert eines sommerlichen Sportturniers entfalten würde, hätten sich auch die prophetischsten Geister nicht träumen lassen.

Aber so ist es. Zur Zeit steht es gerade 2 : 2. Zwei Landesverwaltungsgerichte (Hessen und Niedersachsen) haben "gegen" die Reform entschieden, zwei "dafür" (Thüringen und Rheinland-Pfalz). Drei Richtersprüche stehen noch aus - und dann die der übergeordneten Instanzen bis hin zum Bundesverwaltungsgericht. Und niemand kann den Schlußstand voraussagen, wie spannend!

Denn natürlich entscheiden die Gerichte nicht über die Rechtschreibung selbst. Das wäre auch noch schöner; sie entscheiden ja auch nicht, welche Rechenaufgaben den Schülern gestellt werden und welche Gemüse die Leute zum Sonntagsbraten reichen. Sie wurden von aufgebrachten Reformgegnern vielmehr bemüht, um etwas Höheres und Hehreres zu klären: Ist die von den Landeskultusministern 1996 beschlossene Rechtschreibreform eine "wesentliche Entscheidung" in einem "grundgesetzrelevanten Bereich"?

Über nichts läßt sich aber so trefflich streiten wie über das Wesentliche. Darum ist der Ausgang dieses Rechtsstreits auch völlig ungewiß. Zwei Gerichte, wie gesagt, sahen bisher die Wesentlichkeit gegeben, zwei nicht. Aber in der Tat hängt das Schicksal der Reform von der Antwort ab. Ist Rechtschreibung etwas "Wesentliches", so hätten die Kultusminister kein Recht gehabt, sie per Erlaß zu reformieren; dann müßte sie von allen sechzehn Landesparlamenten plus dem Bundestag beschlossen werden (da sie ja nicht nur die Schulen, sondern auch die Behörden tangiert).

Die Aussicht, daß siebzehn Parlamente positiv (oder überhaupt) entscheiden, ist natürlich gleich Null. Ihr populistischer Instinkt wird die Volksvertreter daran hindern, in einer so unwichtigen Angelegenheit eine Entscheidung zu treffen, die sie für unpopulär halten. Bild dir deine Meinung - und wenn Bild meint, genau 92,5 Prozent der Bevölkerung seien dagegen, dann müßte der Politiker, der dafür stimmte, schon widernatürliche Resistenzen besitzen. Oder würde einige doch die Aussicht schrecken, andernfalls aufs hübscheste die totale Reformunfähigkeit dieses Landes zu bestätigen, die Unfähigkeit selbst zu einem so marginalen wie minimalen Reförmchen wie diesem?

Sonderbar eigentlich. Bei früheren Umfragen in den siebziger und achtziger Jahren fand eine Bevölkerungsmehrheit immer, die geltende Rechtschreibung sei zu kompliziert und wirr und sollte zwar nicht abgeschafft, aber behutsam reformiert werden. Daß sich an diesem Urteil in der Sache viel geändert hat, ist nicht anzunehmen, und die neue Rechtschreibung entspricht diesem Wunsch ziemlich genau: Sie ist zwar nicht ideal - keine denkbare Rechtschreibung könnte je gleichzeitig so in sich logisch und so traditionsbewußt sein, daß alle ihr zustimmten -, aber ein bißchen weniger wirr als die bisherige ist sie. Etwas muß sich verändert haben, etwas Atmosphärisches.

Früher, da war "Reform" geradezu ein Schlacht- und Siegesruf jenseits der Grenzen aller Vernunft; heute scheint sie an sich suspekt. Steuern und Renten und Krankheitskosten - schwierig, schwierig, denn der kritische Blick ins eigene Portemonnaie lehrt jeden, daß auch die "öffentliche Hand" besser kein Geld ausgibt, das sie nicht hat, und daß darum vielleicht sogar empörende Reformen sein müssen, solche also, die einem selbst weh tun.