Haltet den Dieb! Ausgerechnet die Süddeutsche Zeitung, die Moralisten, auf frischer Tat beim "Schweinejournalismus" ertappt! Der stern suggeriert, ihm sei es gelungen, das wahre Gesicht des Blattes zu enthüllen, das ihn oft genug peinigt, weil es Maßstäbe setzt. Der Beweis für das Funkmagazin: Das Interview mit Hillu Schröder, vom SZ-Magazin veröffentlicht, in welchem sie ihren Mann für charakterlich und politisch unzuverlässig erklärt.

Ihre Antwort auf die Frage, ob sie manchmal von Rache träume - "aber ich bitte Sie, ja!" -, legt zudem die Annahme nahe, sie verfolge auch direkte politische Absichten: nämlich dem Wendehals, der sie verlassen hat, den Weg ins Kanzleramt zu verbauen. So viel Privates, mit politischer Explosivkraft, das so öffentlich gemacht wird - das hat es hierzulande noch nicht gegeben. Die Parteiendemokratie alter Schule hat mehr oder minder bisher noch als Filter gewirkt, und das öffentliche Tabu über dem Privaten hielt ziemlich. Abgesehen von den Lichtern aus dem Saarbrücker Rotlichtmilieu, die der Spiegel über seinen Helden von gestern, Lafontaine, erstrahlen ließ. Aber zugleich mit dem "Rosenkrieg" zwischen Schröder und Schröder findet jetzt ein kleiner Medienkrieg statt, der sich dahinter tarnt. In diesem Zwist stehen die Hamburger, stern, Spiegel und Woche, auf der einen, die Süddeutsche Zeitung auf der anderen Seite. Das liberale Münchner Blatt meldet nämlich als einziges derzeit offen Bedenken an gegen einen möglichen Kanzler Schröder, läßt aber Präferenzen für Lafontaine durchscheinen. Während die drei Hamburger Blätter ihr Faible, um es milde zu sagen, für einen Wechsel Seit' an Seit' mit dem Hannoveraner offen gestehen.

Das dürfen die nicht, die Kollegen aus München! Schröder ist unser! Zum Glück sind deswegen nicht alle in Hamburg von sämtlichen guten journalistischen Geistern verlassen: Friedrich Küppersbusch beispielsweise erinnert in seinem Beitrag für die Woche richtig daran, die SZ und andere rügten gerne die Devotheit von Alfred Biolek in Politikergesprächen, die Süddeutsche nähere sich aber Hillu im Gespräch nicht minder devot an. So sei die Kritik an den politischen Auffassungen ihres Mannes zu Atomkraft, Umwelt oder Gentechnologie "mit einem leichten Übelgeruch" parfümiert, der sie entwerte.

Was stimmt. O-Ton der Fragenden im SZ-Interview: "Doris Köpf wirkt, als würde sie ihn abends anhimmeln. - Das klingt alles trostlos. - Das nehmen Sie so hin? - Wir sind sprachlos." Solche Liebedienerei geht peinlich weit.

Aber natürlich durfte das SZ-Magazin ein solches Gespräch veröffentlichen (auch das ZEITmagazin publiziert in dieser Woche ein kleines Interview mit Frau Schöder). Man könnte sogar noch hinzufügen, die Süddeutsche unterbreite ein Dokument, das für die Öffentlichkeit interessante Informationen enthält. Den personalisierten Wahlkampf will Schröder. Über die Konsequenzen darf er nicht klagen. Ungleich problematischer erscheint, nebenbei, die Veröffentlichung des Interviews mit Radovan Karadzic gleichfalls im SZ-Magazin. Auf diese Weise den Boykott der Balkankorrespondenten gegenüber Karadzic zu durchbrechen will besser begründet sein. Das ist bloßes Buhlen um Aufmerksamkeit, und zwar um fast jeden Preis. Die Marktgesetze lassen nichts anderes zu? Gut, aber dann ist es kein Dokument über einen Mörder, sondern eines über die Folgen, welche die Ökonomisierung der Medien haben kann.

Aber es geht ja um anderes: Mit Schröder wird ausgerechnet derjenige "Opfer" einer Entwicklung, der sie selbst instinktsicher vorausahnte. Politik wird, ist sie nur unterhaltsam genug, zum Filmstoff. Schon plant Burkhard Driest einen Streifen über die Ehe Schröder: Ein Sujet für alle Medienzwecke eben. Gemeinsam haben die Schröders ihre Ehe doch auch inszeniert. Beispielhaft steht dafür das Tandem-Plakat: "Meine Frau gibt die Richtung an, ich trete nur in die Pedale." Beide schlugen sie damit den modernen Medienweg ein. Siehe Clinton, siehe Blair. Wenn sie jetzt "wir, wir, wir" sagt und von "einer Firma" spricht, verlängert sie das nur. Am Beispiel Clinton wiederum ließe sich lernen, wie schutzlos einer darüber auch werden kann - noch die intimsten Geschichten aus seinem fröhlichen Vorleben werden unermüdlich ausgebreitet, als wäre es Politik.

Manche hat dieses Theater früh gestört. Aber man muß gar nicht kulturverdrießlich darüber klagen: Es ist nichts Unerlaubtes und auch nichts Undemokratisches daran. Bloß zeigt sich jetzt, welches Risiko darin steckt. Vollends gefährlich wird es, wenn die Substanz der Politik hinter der Inszenierung allmählich verschwindet. Und war es bei Schröder nicht so?