Der Frieden in Bosnien ist und bleibt brüchig. Die balkanischen Kampfhähne sperren sich beharrlich gegen die Verwirklichung des Abkommens von Dayton, das im Dezember 1995 die Waffen zum Schweigen brachte. Der Einheitsstaat Bosnien, der damals anvisiert wurde, steht bis heute weithin auf dem Papier. Die Gefahr ist keineswegs gebannt, daß er in einer neuerlichen kriegerischen Explosion wieder zerplatzt. Die Folgen wären schrecklich: ein weiteres Kapitel blutiger Säuberung, abermals elende Flüchtlingsströme, womöglich ein Funkenflug, der auch den albanisch-slawisch besiedelten Südbalkan in Brand setzt.

Mit kurzatmigen Missionen wie der jüngsten Stippvisite des amerikanischen Dayton-Unterhändlers Richard Holbrooke läßt sich der Friedensprozeß nicht befestigen - schon gar nicht, wenn der Kongreß gleichzeitig signalisiert, daß die US-Truppen im Juni 1998 abgezogen werden, und den europäischen Verteidigungsministern daraufhin nichts Besseres einfällt, als wieder das alte Lied anzustimmen: "Zusammen rein, zusammen raus". Die Lokalmatadoren kann dies nur ermuntern, ihre Kalaschnikows dauernd geölt zu halten.

Seit dem Inkrafttreten des Friedensabkommens von Dayton sind zwanzig Monate vergangen. In diesen zwanzig Monaten wurden die militärischen Bestimmungen des Abkommens erfüllt. Die multinationalen Interventionstruppen - erst IFor, dann SFor- haben die Streitkräfte der drei verfeindeten Lager getrennt, ihre schweren Waffen eingesammelt und mit der Entminung des Landes begonnen. Sie patrouillieren an der Grenze zwischen den beiden Teilen Bosniens, haben die Wahlen gesichert und gewähren dem beschränkten Besucherverkehr über die Trennlinie hinweg Schutz. Vor vier Wochen beteiligten sie sich zum ersten Mal auch aktiv an der Jagd nach angeklagten Kriegsverbrechern.

Weit weniger positiv fällt die Bilanz auf der zivilen Seite aus. Wohl hat es gewisse Fortschritte gegeben. Die Straßensperren im Lande sind abgebaut; es gibt etwas mehr Bewegungsfreiheit; in diesem Jahr wird die Rückkehr von 100 000 Flüchtlingen erwartet; langsam kommt die Wirtschaft wieder auf die Beine; die in Dayton vereinbarten gemeinsamen Institutionen des Staates Bosnien-Herzegowina sind nach langem Hin und Her endlich eingerichtet; das quick start package ist verabschiedet, ein Maßnahmenpaket, das den gesetzlichen Rahmen für den landesweiten Wiederaufbau schafft.

Dies alles ist nicht zu unterschätzen. Doch ist die Mängelliste länger und gravierender.

Die gemeinsamen Institutionen existieren, aber sie funktionieren schlecht. Das dreiköpfige Präsidium und der Ministerrat treffen sich nur sporadisch und bringen wenig zustande. Es gibt eine Zentralbank, jedoch noch keine gemeinsame Währung (abgesehen von der Deutschmark, dem landesüblichen Zahlungsmittel).

Die Beziehungen zwischen den beiden Staatsteilen, dem serbischen und dem muslimisch-kroatischen, sind schlecht. Selbst in der Föderation von Muslimen und Kroaten hapert es mit dem Zusammenwachsen der Verwaltungen, der Streitkräfte, der Polizei; Mostar bleibt ein latenter Krisenherd. In Wirklichkeit ist Bosnien-Herzegowina dreigeteilt wie einst Cäsars Gallien. Bis heute tragen die Autos verschiedene Nummernschilder. Das "gemeinsame" Telephonnetz sieht drei verschiedene internationale Vorwahlnummern vor. Erst unter dem massiven Druck der auswärtigen Mächte wird es jetzt einheitliche Pässe und eine gemeinsame Flagge geben. Zur Aufstellung einer gesamtbosnischen Botschafterliste kam es erst nach einer diplomatischen Boykottaktion des Westens.