Nur wenige Menschen wissen, daß die Erfindung des World Wide Web das Werk eines einzelnen war. Noch weniger wissen, daß eben dieser Mann die Evolution des weltumspannenden Netzes weiterhin lenkt - von einer Ansammlung stiller, grauer Büros aus, gelegen in einem unscheinbaren Bau des Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Dort sitzt Tim Berners-Lee dem World Wide Web Consortium, kurz W3C, vor, einer Organisation, die typisch ist für die Netzwelt. Das W3C versucht zu sichern, daß das Web sich nach einheitlichen technischen Standards weiterentwickelt. Nur so bleiben alle seine Fasern miteinander verbunden, gleich, welche neue Hardware oder Software erfunden wird, gleich, wie hart die Interessen der Firmen aufeinanderprallen, die im Netz Geschäfte machen wollen. Vierzig Angestellte, verstreut über alle Welt, arbeiten für das W3C, und rund 170 Mitglieder gehören ihm an, darunter erbitterte Konkurrenten wie die Software-Firmen Microsoft und Netscape, die Computerhersteller Sun und IBM und der Telekomriese MCI.

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Tim Berners-Lee

Berners-Lee, ein Mann mit schütterem Blondhaar und bescheidenen Umgangsformen, sieht nicht eben aus wie der Held, der die Giganten Microsoft und Netscape dazu bringen könnte, daß sie es in einem Raum miteinander aushalten. Dennoch kommen alle großen Streitfragen, die sich rund ums Web erheben, früher oder später auf den Schreibtisch des 41jährigen britischen Physikers - sei es der Wunsch nach Sicherheit für den elektronischen Handel im Netz, das Problem der Pornographie oder die Debatte um staatliche Zensur.

Was immer man vom Web halten mag, es wird einen ermutigen, daß der Mensch, der es geschaffen hat, keineswegs findet, es sei schon fertig. Und mehr noch, daß er sich Geld und Ruhm versagt hat, um sein noch unbeholfenes Geschöpf heranzuziehen, um seine Integrität zu sichern, wenn es der Wettstreit der kommerziellen Interessen wieder einmal zu zerreißen droht.

Wenn Berners-Lee unzufrieden ist mit dem Web, so hat das damit zu tun, daß er es sich anders vorgestellt hat. Um zu zeigen, worum es ihm geht, rollt er abrupt seinen Stuhl vom großen Tisch seines kahlen Büros hinüber zu einem großen Monitor und beginnt so rasend schnell zu tippen, wie er auch zu sprechen pflegt. Binnen weniger Sekunden hat er mit seiner eigenen, der originalen Web-Software eine Homepage gestaltet; mit derselben Behendigkeit zeigt er, wie einfach es sein sollte, Verknüpfungen, sogenannte Links, zu anderen Web-Seiten einzufügen.