Da war dieses Rauschen. Kein Meeresrauschen, kein Plätschern, kein schäumendes Krachen, kein Atmen der Wellen am Fels. Sondern ein dunkleres und zugleich schärferes Geräusch, ein metallisches Brausen, das aus der Finsternis vor den Mauern der Stadt heraufstieg, über die Zinnen und durch die offenen Tore quoll und sich in den Gassen rings um den leeren, schwach erleuchteten Platz ausbreitete, das die Baumkronen schüttelte und die Ziegeldächer zum Klingen brachte. Ein gleichmäßiges, gewaltiges Grollen und Zischen, als schleiften ganze Geisterheere ihre toten Glieder über die Felder der Nacht, Kelten und Etrusker, Römer und Karthager, aus dem Orkus hergeblasen vom Frühlingswind, der das Toben aus der Tiefe über die Ebene trug, weiter hinauf in die Berge und in den Märzhimmel, bis das ganze Land in dem Getöse versank.

Und so, nicht anders, fing alles an.

Man täuscht sich, wenn man das Bündnis, das ein Reisender mit seiner Lieblingslandschaft schließt, langer Gewöhnung zuschreibt, endlos wiederholten Klettertouren und Bootspartien, immergleichen Sommerabenden fürs Photoalbum: hier, der Ausflug mit den Schmidts im letzten Jahr, und das ist Mutti vor der Kathedrale, und nächsten Juni fahren wir wieder hin ... In Wahrheit geschieht beim Reisen, wie beim Lieben, alles Wichtige in einem einzigen Augenblick. Und hier wie dort geht es weniger ums Entdecken als ums Wiedererkennen. Was wir lieben, finden wir nicht, wir finden es bloß wieder. Eigentlich hat keiner je eine Wahl.

Castiglione

Du kommst von Norden her, zwei Tage lang, die Kälte im Nacken, über Harz, Alpen und Apennin, Bologna vorbei, Florenz, Arezzo, dann, beim Blättern im Straßenatlas, ein blauer Fleck auf der Karte, dazu ein Name, der eine Burg am See verspricht, ein Zufallsquartier: Castiglione del Lago. Klingt gut. Also runter von der Autostrada, Landstraße, Dämmerung, Maisfelder, Gehöfte, eine Stadt auf dem Hügel, unwirklich und fern. Links hoch dann zum centro storico, Stadtmauer, Hauptplatz, Hotel "Schau-den-See", Doppelzimmer mit Aussicht, aber kein See, nur dieses Rauschen von überall her. Lichter am Horizont. Schließlich, um Atem zu holen, noch einmal auf den Platz hinaus, ins trübe Geflacker der Laternen, zu dem plätschernden Brünnlein in der Mitte ... und da passiert es.

Nicht daß irgend etwas Besonderes wäre an diesem Rathaus aus dem 16., dem Glockenturm aus dem 13. Jahrhundert. An diesem Gäßchen aus Kopfsteinpflaster, das die Kirche der Büßenden Maria Magdalena - darin, rechts vom Eingang, eine Glocke, gestiftet für "den frommen und Segen spendenden Papst Leo XIII." zum fünfzigjährigen Priesterjubiläum 1887 "von den Arbeitern der katholischen Pfarrgemeinde Bochum" - mit dem Herzogspalast der della Corgna, schön ausgemalt, und der Zwingburg des Stauferkaisers Friedrich verbindet. An den Mauern und Toren, mächtig und rund, einst uneinnehmbar, kanonenkugelsicher, jetzt Heimat für Tauben und Schwalben, von Fledermäusen umschwirrt in panischem Tanz.

Das alles kennst du, größer und schöner: die Kirche, die Burg, den Palast. Das weit ausschwingende Oval der Stadtbefestigung, den grauen umbrischen Stein. Woanders gibt es das auch. Aber hier ist es vollkommen. Nicht jedes Ding für sich, sondern alle zusammen. Ein Mathematiker könnte die Formel dieser Vollkommenheit aufstellen. Der Reisende kann sie nur fühlen. Es ist, als ruhte die ganze Stadt auf einer riesigen Waage, welche die Welt der Schwerter und die Welt des Kreuzes, die Welt des Herzogs und die Welt der Bürger für alle Zeit im Gleichgewicht hält.