Künftiger Forschung wird es vorbehalten sein, tiefsitzende Instinktkonditionierungen des Homo sapiens festzumachen, die zwar kulturell überformt sein mögen, ihrem animalischen Ursprung aber noch nicht entwachsen sind. Mit Sicherheit entdeckt sie irgendwann den Höhlenbautrieb.

Und wird dann auch die Frage beantworten, warum die Superreichen, die in Schlössern leben, immer auf nervöse Weise unbefriedigt sind: Sie können, ohne sich lächerlich zu machen, keine Höhle bauen. Anthropologisch kompatibler ist der Bausparvertrag und der Mensch, solange er etwas aus- oder aufbaut, stets glücklicher als danach, wenn er nur noch drin wohnen soll.

Den Urlaub damit zu verbringen, daß man sich eine Höhle baut, respektive ein Zelt aufschlägt, und dann auch noch an einem Seeufer mit "wunderbarer Aussicht" - das ist menschengemäß. Die Dauercamper vom Zeltplatz 4 am Sorpesee im Sauerland haben mit Zeltplanen auf Holzgerüsten angefangen; damals gab es weder Wasser noch Strom, aber jede Menge wechselseitige Hilfe und große Lagerfeuer. Inzwischen ist das Zündeln verboten, das ehemalige Zeltdorf besteht aus einer Agglomeration von Wohnwagen mit Vollkomfort und Parabolantennen. Kleine Hecken, Blumenkästen, Terrassen, Boote und Kieswege wollen gepflegt werden - aber im Grunde ist es kein Höhlenbauen mehr, dazu ist alles zu perfekt. Den Dauercamper vom Sorpesee beschleicht die sanfte Melancholie des Schloßherrn, der durch sein Anwesen streicht und sich fragt, warum er nicht glücklich ist. In solcher Stimmung blickt man gern zurück.

Und erzählt dem Filmemacher Wolfram Seeger, wie es "an der Sorpe" ist. Der harte Kern von Zeltplatz 4 kommt jeden Sommer - und das seit fünfzehn, zwanzig, achtundzwanzig Jahren. Etliche sind im Vorruhestand, "kaputtgeschrieben" und nicht mehr gut zu Fuß, und für ein bißchen Trubel sorgen die Enkel. Auslandsreisen? Träume vom Fliegen und vom Süden? Ach nee ... Dafür fehlt das Geld. Und längst auch die Lust. "Mein Mann war am Gerüstbau, da ist er 'n paarmal gestürzt, dann ging's in 'n Tiefbau, da verdient man auch nicht das meiste."

Seegers Kamera portraitierte das Soziotop vom Sorpesee mit gezügelter Neugier und diskreter Zugewandtheit. Er ließ die ehemaligen Höhlenbauer, die den Ennui, der sie jetzt, wo alles geschafft ist, befällt, selbst nicht verstehen, aus der großen Zeit des Anfangs erzählen und ergänzte die Schnitte auf seine Charakterköpfe durch erlesene Stimmungsbilder vom Stausee und von der Wohnwagensiedlung, wo es sogar Gartenzwerge gibt und ein überforderter Platzwart für Bier, Brot und ein verträgliches Miteinander sorgt. Es ist hier wie überall: Wenn die Höhle gebaut und der Wohnwagen abbezahlt ist, ergeben sich die Männer dem Trunk und dem Spiel, worüber die Frauen sich grämen, damit auch sie, die für das pure Wohnen mehr Talent mitbringen als die Männer, ihr Teil von der Traurigkeit abkriegen ... Ein wunderschöner Film über den Homo sapiens, kurz bevor die Forschung dahinterkam, daß der Höhlenbautrieb von der Evolution noch längst nicht zerrieben wurde und daß seine Befriedigung den Zweibeinern mehr bedeutet, als Gast zu sein im Schloßhotel. Die Schwalbe baut ihr Nest auf dem Platzlautsprecher, sie zeigt allen, wie es geht und wo der Sinn ist.