Ein großes Datum der Literatur dieses Jahrhunderts - in dieser Woche: Am 20. August 1967 beginnt die nach den Tagen eines Jahres gegliederte, fast zweitausend Seiten umfassende Erzählung, die Uwe Johnson "Jahrestage" nennt, mit dem Neben-Titel "Aus dem Leben von Gesine Cresspahl".

Wer nun den zur Buchmesse 1970 erschienenen ersten Band der "Jahrestage" aufschlägt, sucht vergeblich nach dem Geburtstags-Datum, 20. August 1967. Ein Versehen des Verlags? Läßt der ins ernste Spiel der Poesie lebenslang verliebte Erzähler in einem hintersinnigen Interview, das er 1972 mit der Tochter seiner Haupt-Gestalt, Marie Cresspahl, führt, sie nicht ausdrücklich sagen: "Von mir ist in dem Buch nur, was meine Mutter zwischen dem 20. August 1967 und dem 20. August 1968 an mir gesehen hat"?

Also schlagen wir noch einmal den ersten Band des "Riesenwerks" auf, wie es der Verfasser der jüngsten Untersuchung nennt, Norbert Mecklenburg: "Die Erzählkunst Uwe Johnsons - ,Jahrestage' und andere Prosa" (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 550 S., 68,- Mark). Es bleibt dabei: Der erste Eintrag dieses Tagebuchs eines Jahres ist datiert, auf Seite 10: "21. August, 1967, Montag".

Auf den vier Seiten davor findet sich allerdings ein Text - ein Tagebucheintrag? - ohne Datum. Wer diese hundertdreißig Zeilen gelesen hat, wird sie nie vergessen können. Sie erschließen sich dem Lesewilligen in ihrer einfachen Schönheit, die so wunderbar gearbeitet ist, daß einer der aufmerksamsten Leser, Ulrich Fries, ein ganzes Buch über diesen - undatierten - Anfang und die ersten Kapitel schreiben konnte: "Uwe Johnsons ,Jahrestage' - Erzählstruktur und Politische Subjektivität" (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990 184 S., 42,- DM).

Das Kapitel ohne Datum beginnt so: "Lange Wellen treiben schräg gegen den Strand, wölben Buckel mit Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand kippen ... Der Wind ist flatterig, bei solchem drucklosen Wind ist die Ostsee in ein Plätschern ausgelaufen: Das Wort für die kurzen Wellen der Ostsee ist kabbelig gewesen."

Mit dem am 20. Juli 1934 in Cammin (Pommern), dem heutigen Kamien' Pomorski, geborenen Sohn eines Landwirtschafts-Inspektors und einer Bauerntochter, der nach der Flucht in Mecklenburg aufgewachsen ist, liegen wir also am Strand seiner geliebten Ostsee.

Doch beginnt der zweite Absatz des vierbändigen Werks mit dieser Überraschung: "Das Dorf liegt auf einer schmalen Nehrung vor der Küste New Jerseys, zwei Eisenbahnstunden südlich von New York."