BITTERFELD. - Hans-Dieter Engelmann weiß, wo die Zukunft steht. Ganz oben auf dem Regal seines Büros. Da lagern sie, die gläsernen Meßbecher, mit denen die Chemikalien auf den Milliliter genau gemischt werden. Der Diplomchemiker holt die Gläser vom Regal und stellt sie auf ein Plastiktablett. Engelmann hat sein Kündigungsschreiben bekommen. Doch dreißig Jahre Arbeit in der Bitterfelder Chemie waren schon vorher zu Ende. Zuletzt war er nur noch als Hausmeister bei einem Ingenieurbüro angestellt. "Die Meßbecher", sagt er, "die brauch' hier eh keiner mehr." Engelmann wird sie für seine Enkel mit nach Hause nehmen, damit die sich schon einmal an die Chemie gewöhnen können.

Hans-Dieter Engelmann glaubt an die Zukunft der Chemie, obwohl er die Gefahren der Arbeit kennt: die Gase, die niemand riechen kann und die zu Leberschäden führen können, und den Staub, der das Atmen schwer macht.

Engelmann hat als Leiter der Abteilung Gewerkschaft von 1975 bis 1980 die Krankengeschichten der Kollegen gesammelt, die mit ihm in der anorganischen Chemie im Kombinat Bitterfeld schufteten. 18 000 Menschen arbeiteten im Volkseigenen Betrieb, der mehr als 4000 Produkte herstellte - die "Apotheke der DDR-Chemie" wurde Bitterfeld genannt. Wenn dort die Chemiemischer nicht ausreichend produzierten, mußten andere Betriebe ihre Produktion stoppen.

Darum liefen die Maschinen, ohne Rücksicht auf Verluste. Eine Ökokatastrophe nach Plan, die Boden, Wasser, Luft und Menschen den Produktionsvorgaben aus Ost-Berlin opferte. Geheimgehaltene Daten, die zu DDR-Zeiten erfaßt wurden, belegten, daß in Bitterfeld der Anteil von gestörten Schwangerschaften acht Prozent höher lag als anderswo und daß Arbeiter im Kombinat häufiger über Atemwegserkrankungen klagten.

Nach der Wende kam die Stadt mit einem neuen Namen in die Schlagzeilen: "Bitterfeld - der drekkigste Ort Deutschlands". Die Region zwischen Halle, Leipzig und Dessau galt als "Horrordreieck". Die Apotheke der DDR-Chemie wurde zum Industriefriedhof. Von neunzig Anlagen mußten vierzig die Produktion einstellen. Zwischen 1989 und 1991 verloren 11 000 Menschen ihre Arbeit im Kombinat. Viele konnten in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen aufgefangen werden. Die Arbeitslosenquote 1991 und 1992 lag daher nur zwischen sieben und zehn Prozent. 4000 Menschen schrieben Bitterfeld als hoffnungslosen Fall ab und verließen die Stadt, die damals 21 000 Einwohner zählte.

Andere kamen und blieben nur für einige Tage: Journalisten aus aller Welt, die in Bitterfeld das Symbol für die Unmenschlichkeit des Sozialismus fanden.

Wessis, die sich mal das Entwicklungsland nebenan angucken wollten.