Manche Wertpapierbesitzer schauen häufig zum Himmel. Nicht um göttlichen Beistand zu erflehen, sondern um nach Unwettern Ausschau zu halten. Hagelt oder stürmt es allzu kräftig, fällt nämlich der Zins aus, jedenfalls bei einer Anleihe der Schweizer Winterthur-Versicherung. Kurios? Vielleicht, aber nur ein Beispiel für eine wachsende Anzahl verzinslicher Wertpapiere, deren Rendite nicht von vornherein feststeht, sondern von einer dritten Größe abhängt, in diesem Fall dem Wetter. Financial Engineering heißt das Zauberwort. Nach dem Motto "Dem Ingenieur ist nichts zu schwer" basteln Kapitalmarktexperten der Banken, oft frisch von der Universität, laufend neue "strukturierte Kapitalmarktprodukte". Der Markt wird daher immer unübersichtlicher.

Die Gleichung mit einer Unbekannten reizt vor allem Anleger, die auf Schnäppchenjagd gehen wollen. Im Grunde geht der Anleger eine Wette ein weil er ein Risiko auf sich nimmt, darf er als Belohnung eine höhere Prämie einstreichen. Im Falle der schweizerischen Katastrophenanleihe etwa liegt der Zins um rund einen dreiviertel Prozentpunkt über der Rendite vergleichbarer Papiere.

Auch bei diesen strukturierten Produkten gilt also das eherne Prinzip der Börse: Ertrag und Risiko sind siamesische Zwillinge: Wer mehr Zins will, muß mehr riskieren. Nie gibt es etwas geschenkt.

Das gilt auch für kündbare Stufenzinsanleihen. Auf den ersten Blick ähneln sie einem alten Bekannten, dem Bundesschatzbrief: Hier werden im ersten Jahr 2,75 Prozent gezahlt, im zweiten 3,5 Prozent und so weiter, bis der Zins schließlich im sechsten und letzten Jahr auf sieben Prozent ansteigt. Wer das "Bundesschätzchen" nicht vorzeitig verkauft, erzielt eine Rendite von insgesamt 4,80 Prozent.

Fast genauso läuft das bei den innovativen Artgenossen. Ähnlich wie bei der Katastrophenanleihe gibt es aber eine Unbekannte: Statt Hagel und Sturm droht - nomen est omen - eine Kündigung. Der Anleger weiß nicht, wann das Papier zurückgezahlt wird und welche Rendite er damit insgesamt erzielt, weil der Schuldner das Recht hat, die Anleihe vorzeitig zurückzuzahlen. Im Fall der Kündigung erhält der Anleger nur die niedrigen Anfangszinsen, aber nicht sieben Prozent und mehr, die für künftige Jahre in Aussicht gestellt werden.

Dafür werfen kündbare Stufenzinsanleihen aber mehr Zins ab als vergleichbare Bankanleihen. Wenn der Schuldner bereits im ersten Jahr kündigt, erhält der Anleger rund 3,3 Prozent. Hätte er das Geld für diesen Zeitraum auf einem Bankkonto angelegt, hätte er bloß 2,8 Prozent erhalten. Kündbare Stufenzinsanleihen werden deshalb häufig von Anlegern gekauft, die mit einer vorzeitigen Kündigung rechnen und ihr Geld nur kurzfristig, höchstens für ein Jahr anlegen wollen, dabei aber vor niedrigen Bankzinsen zurückschrecken.

Die Rechnung der Investoren geht allerdings nicht auf, wenn der Schuldner auf die Kündigung verzichtet. Dessen Entscheidung hängt von einer kühl kalkulierten Vergleichsrechnung ab. Angenommen, der Anleger kauft heute eine zehnjährige Anleihe, die nach einem Jahr gekündigt werden kann. Im August 1998 beträgt die verbleibende Laufzeit des Papiers noch neun Jahre. Der Schuldner vergleicht also die dann am Markt herrschenden Renditen für neunjährige Anleihen mit den Zinsen, die er noch für die restliche Laufzeit der Stufenzinsanleihe zahlen müßte. Falls er das Geld anderswo billiger bekommt, kündigt er.