Was lang ein Gerücht war, halten wir nun in Händen, gute drei Pfund schwer - oder gerade mal zehn Gramm: ein wuchtiges Buch im Großformat, 672 Seiten stark - und am hinteren Buchdeckel klebt eine Compact-Disc als "vollständige digitale Ausgabe des Buches". Bescheidener könnte diese Schatztruhe nicht präsentiert werden als unter dem vernuschelten Titel: "Kleist-Material - Katalog und Dokumentation des Georg Minde-Pouet Nachlasses in der Amerika-Gedenkbibliothek". Wer die über zweitausend Dokumente anfassen durfte, die der Kleist-Forscher und Leiter der Deutschen Bücherei in Leipzig Minde-Pouet (1871 bis 1950) in Form von Notizen, Exzerpten, korrigierten Druckfahnen, Briefen, Zeitungsartikeln und Photographien gesammelt hat, kam erschöpft aus den Katakomben der Amerika-Gedenkbibliothek, erschlagen von der Fülle des Materials, das hier, kaum erschlossen, zu verrotten drohte. Mit schwacher finanzieller Ausstattung hat das Berliner Haus den ihm anvertrauten Schatz jahrzehntelang liebevoll gehütet, der 1996 als Dauerleihgabe der Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte in Frankfurt an der Oder übergeben wurde.

Auch dies ein Verdienst von Roland Reuß und Peter Staengle, den beiden Herausgebern der Brandenburger Kleist-Ausgabe im Stroemfeld Verlag, Basel/Frankfurt. Dort ist jetzt auch dieser üppige Band erschienen (bis Ende 1997 298,- Mark, danach 398,- Mark). Was man in Werkausgaben nur in Auszügen kennenlernt, wird hier, neben allen nötigen philologisch-bibliothekarischen Verweisen ausgebreitet - zum Beispiel ein weinerlicher Brief Achim von Arnims an den Verleger Cotta, in dem er sich gegen einen Kommentar ("wahrscheinlich aus einer jüdischen Feder") im Morgenblatt verwahrt, weil er "den möglichen Verdacht" von sich "wälzen will", er "hege" in seiner "Geschichte der Gräfin Dolores" etwa "mit Kleist gleiche Überzeugung". Eine Bibliotheks-Schwarte als Lesebuch. Auf zu Kleist!