London Die Blairs genießen derzeit noch ihren Urlaub, der ihnen verschönt wird durch die angenehme Erkenntnis, daß die Flitterwochen der Briten mit dem neuen Premier auch nach den ominösen ersten hundert Tagen noch nicht zu Ende sind.

So kann der Premierminister gelassen aus der Ferne das königliche Possenspiel beobachten, das die weltweite Boulevardindustrie täglich mit neuen Enthüllungen versorgt. Allenfalls mag Tony Blair dabei die Frage in den Sinn kommen, ob ausgerechnet in seiner Amtszeit das Ende des Hauses Windsor eingeläutet wird.

Die Monarchie gleiche "einer Goldfüllung inmitten eines verrottenden Gebisses" - diesen Vergleich hatte der Schriftsteller John Osborne gewählt, um seinem zornigen Widerwillen gegen das politische System seines Landes Ausdruck zu verleihen. Das war vor mehr als vierzig Jahren. Heute pflegen eingefleischte Republikaner eine maßvollere Ausdrucksweise, obgleich das kraftvolle Bild die heutigen Verhältnisse bei den Windsors vortrefflich beschrieb.

Hauptfigur des ständigen Wirbels um die Windsors ist "Crazy Diana" - unberechenbar, publicity- und therapiebesessen wie eh und je, unerreicht in ihrer Doppelrolle als globale "Königin der Herzen" und glamouröse Hedonistin.

Im Urteil über die Prinzessin von Wales, zur Zeit ob ihrer Liaison mit dem Playboy Dodi al-Fajad in den Schlagzeilen, sind sich Royalisten wie Republikaner ausnahmsweise einig. Sie gilt als "loose cannon", die jederzeit explodieren und das Königshaus in Trümmer legen könnte. Die britische Geschichte lehrt freilich, daß königliche Affären auf der Insel schon lange vor Anbruch des Zeitalters der Massenpresse immer auch eine politische, wenn nicht gar verfassungspolitische Brisanz besaßen. Schließlich verdankt die Kirche von England ihre Existenz allein der sexuellen Unersättlichkeit von Heinrich VIII. Welche Ironie der Geschichte, daß die Anglikaner jetzt das Schicksal des De-Establishments ereilen könnte, die Trennung von Kirche und Staat also: Viele Geistliche und Bischöfe wollen dem geschiedenen Thronfolger Charles den Treueschwur als weltliches Oberhaupt ihrer Kirche verweigern, sollte er Camilla Parker Bowles ehelichen.

Ein Konflikt zwischen Krone und Kirche ist vorprogrammiert. Das "Annus horribilis", wie Elizabeth II. das Jahr 1993 charakterisierte, ist längst zum Omen für das ganze Jahrzehnt geworden: die "schrecklichen Neunziger". Wer braucht trotzkistische Revolutionäre, wo doch die Royals selbst so effektiv dabei sind, die Monarchie zu demontieren?

Tony Blair hat sich bislang um ein freundlich-korrektes Verhältnis zu den Windsors bemüht. Nur einmal deutete er an, daß nicht mehr alles im gewohnten Trott weiterlaufen wird: Die königliche Yacht Britannia will die Regierung nicht länger mit Hilfe von Steuergeldern schwimmen lassen. Die delikaten Beziehungen zu den verfeindeten Waleses hat Blair mit Ehefrau Cherie arbeitsteilig gelöst. Getreu dem New-Labour-Prinzip, alle einzuschließen, steht man mit beiden gut. Cherie Blair gehört mittlerweile zum Lunchzirkel von Diana, was der hochintelligenten Anwältin sicherlich ab und an eine intellektuelle Verschnaufpause verschafft. Ehemann Tony hält enge Kontakte mit Charles.