Ein tödlicher Spielplatz

Die Alpen haben die Lizenz zum Spielen gegeben. Die aufgehende Sonne leuchtet die grauen Spitzen des Wilden Kaisers an wie ein Juwelier seine Edelsteine im Schaufenster. Kaiserwetter ist angekündigt. Im Tal schläft Kitzbühel noch sanft und Ellmau auch, aber oben auf der "Grutten-Hütte" treffen am Sonntag in aller Herrgottsfrühe hundert Bergfreunde letzte Absprachen über Kletterrouten und Tagesziele.

"Heute werden sich viele sehr viel zutrauen", sagt ein Mannheimer, der an diesem Tag nur noch den kurzen Abstieg zum Talort Ellmau vor sich hat. Doch alle anderen wollen hoch hinaus. Georg Strieder und Kurt Stemberger sind zu einer Kletterpartie zur 2344 Meter hohen Ellmauer Halt entschlossen. Bei der Gratwanderung erwartet sie der alpine Schwierigkeitsgrad IV: "Große Schwierigkeiten. Hier beginnt die Kletterei schärferer Richtung."

Die beiden Österreicher wissen, daß auf ihrer Route, einige hundert Meter über der "Grutten-Hütte", erst Ende Juli zwei junge Berliner verunglückt sind. Sie stürzten bei einem Notabstieg zur "Grutten-Hütte" im Regen zu Tode.

Das Pärchen sei, so hieß es, hervorragend ausgerüstet gewesen und hätte über gute alpine Kenntnisse verfügt.

Georg Strieder und Kurt Stemberger sind keine Hasardeure. Die beiden hageren Männer wohnen in den Bergen, haben das Klettern von Kindesbeinen an gelernt und gehören seit langem dem Österreichischen Alpenverein an. "Man muß erst einige Dummheiten überleben", sagt der 37jährige Georg Strieder. Zu Beginn seiner Alpinistenkarriere hing er selbst einmal in einer Felswand und wußte weder vor noch zurück. Die Bergwacht befreite ihn wohlbehalten aus seiner mißlichen Lage.

Um halb acht setzen Strieder und Stemberger ihre Helme auf und machen sich auf ihre Zehnstundentour. Die beiden Österreicher befinden sich in bester Gesellschaft mit Millionen anderer Gipfelstürmer, Alpinisten, Tourengeher und Freistilkletterer: Sie fühlen sich von der schauerlichen Majestät hoch aufragender Felswände nicht verschreckt, sondern magisch oder auch manisch angelockt.

Die Öffentlichkeit in der Ebene nimmt diese Bergfexe und ihren vertikalen Drang vor allem wahr, wenn - wie in den vergangenen Wochen - eine nennenswerte Zahl ums Leben kommt: die beiden Berliner am Wilden Kaiser, Dutzende Bergsteiger am höchsten Alpengipfel, dem Montblanc, eine ganze Seilschaft am Ortler in Südtirol. Das Glücksgefühl, einen namhaften Alpengipfel zu bezwingen, ist von der Katastrophe nur einen Fehltritt entfernt. Wer in die Berge geht, weiß um die Gefahr, und oft wird sie bewußt gesucht. Alexander Hartinger, Geschäftsführer des Deutschen Alpenvereins, sagt: "Es sind viele Adrenalin-Junkies unterwegs." Hunderte von ihnen holen sich jedes Jahr in den Bergen eine tödliche Überdosis.

Ein tödlicher Spielplatz

Daß die Zahl der Todesopfer in diesen Wochen besonders hoch ist, liegt am Wetter: In den Hochlagen der Alpen fiel bis in den Juli hinein "katastrophal viel Schnee", wie Hartinger weiß. Wochenlang ging auf vielen Bergen - beispielsweise auf dem berühmten Matterhorn - gar nichts. Nachdem sich das Wetter gebessert hat, hat jetzt der große Ansturm begonnen. Doch in vielen Klettergebieten lauern weiterhin für die Jahreszeit ungewohnte Gefahren. "Das ganze Gebirge", sagt Hartinger, "ist noch naß". Glitschige Felsen und vom Sonnenschein gehärtete Schneefelder vervielfachen die Risiken beim Auf- und Abstieg.

Davon läßt sich offenbar niemand schrecken, im Gegenteil. Die Bereitschaft, sich in Lebensgefahr zu begeben, nimmt unter den Wohlstandsbürgern in aller Welt dramatisch zu. "Die Götter müssen wütend sein und die Bergsteiger verrückt" titelte das US-Nachrichtenmagazin Newsweek nach einer weiteren Gipfelstürmertragödie am Mount Everest Ende Mai. Nirgends ist die Gefahr größer als auf dem höchsten Berg der Welt: Statistisch kehren von sieben Bergsteigern nur sechs lebend vom Gipfel zurück.

Seit Menschen auf die Gipfel streben, haben der Himalaya und die Alpen ihren Tribut gefordert. Doch während sich einst nur Kenner und Könner in die sprichwörtlichen Todeszonen wagten, stauen sich heute an den Klettersteigen der Kultgipfel Amateure und Anfänger aus aller Herren Länder, denen das Dasein in der Ebene zu fad geworden ist.

Freizeitdesperados in Kompaniestärke fühlen sich berufen, ihre Steigeisen in mörderische Eisfelder zu schlagen, Schneestürmen in dünner Luft die Stirn zu bieten und - wenn bis dahin alles gutgeht - ganz oben das Werbeplakat ihres Sponsors zu entrollen. "Viele leiden an absoluter Selbstüberschätzung und sind vom Ehrgeiz zerfressen", hat Hartinger festgestellt.

Der DAV-Geschäftsführer war fünfzehn Jahre Heeresbergführer und hat selbst fünfmal den 4807 Meter hohen Montblanc erstiegen. Am höchsten Alpengipfel ist in diesen Wochen der Teufel los. In der "Gouter-Hütte", die 180 Schlafplätze bietet, lagern in 3817 Meter Höhe jede Nacht zwischen 300 und 400 Gipfelstürmer. "An Schlaf ist nicht zu denken", beschreibt Hartinger die Zustände, "die Leute können sich nur hinkauern." Nach seiner Schätzung ist schon nach der schnellen Auffahrt mit der Zahnradbahn ein Drittel der Bergsteiger höhenkrank: Schwindelgefühle, Übelkeit und Störungen des Gleichgewichtssinns erhöhen das Unfallrisiko dramatisch.

Doch kaum jemand hat angesichts der drangvollen Enge in der Hütte oder knapp kalkulierter Urlaubstage die Geduld, vor dem Aufstieg vier bis fünf Tage in dieser Höhe zu warten. "Diese Zeit braucht man, um sich zu akklimatisieren und sich einzulaufen. Aber keiner tut das", kritisiert der Tiroler Bergführer Wastl Fürstaller. Viele Montblanc-Herausforderer gehören eigentlich ins Bett und nicht auf den Gipfel.

Daß unter diesen Umständen allein in der ersten Augustwoche zwanzig Bergsteiger am Montblanc zu Tode kamen, überrascht schon nicht mehr. Der prestigeträchtige Gipfel lockt auch deshalb so viele unbedarfte Emporkömmlinge an, weil er alpinistisch als leichte Beute gilt. "Da kann man eine Kuh hinauftreiben", sagt Fürstaller geringschätzig.

Ein tödlicher Spielplatz

Nicht nur am Montblanc, sondern überall in den Alpen sind die natürlichen Barrieren, die Menschen von Dummheiten auf den Bergen abhalten könnten, rigoros beseitigt worden. Hunderte von Bergbahnen werden nicht nur von Ausflüglern genutzt, sondern ersparen auch Bergsteigern den unspektakulären und mühseligen Aufstieg aus dem Tal. Wer die berühmte Jungfrau in den Berner Alpen besteigt, fährt bis auf knapp 3500 Meter mit der Eisenbahn und muß bis zum Gipfel nur noch 650 Höhenmeter auf eigenen Füßen überwinden.

Die Infrastruktur, die die Alpenvereine seit der Jahrhundertwende geschaffen haben, ist nicht weniger eindrucksvoll: Allein der DAV unterhält an bayerischen und österreichischen Bergen 242 Hütten mit rund 15 000 Schlafplätzen. Kein anderes Hochgebirge der Welt wurde so flächendeckend ausgeschildert. Das Tausende Kilometer lange Netz der Wanderwege und Klettersteige wird von den rührigen Alpenvereinen sorgfältiger gepflegt als manche Landstraße.

Die Alpen sind der große Abenteuerspielplatz Europas geworden, auf dem die Anhänger verschiedenster neumodischer Disziplinen ihren Büroalltag abschütteln. Anderthalb Wanderstunden von der "Grutten-Hütte" entfernt, wo der Wilde Kaiser in die Senkrechte geht, haben die Kletterer ihr Revier abgesteckt. In den Ostwänden von Totenkirchl und Kopftörl sind sie mit bloßem Auge allenfalls noch als bunte Stecknadelköpfe zu erkennen. Die Sportkletterer haben eine alte Bergsteigerregel auf den Kopf gestellt: Sie suchen nicht den einfachsten, sondern den schwierigsten Weg nach oben und haben dabei der traditionell beim Schwierigkeitsgrad VI ("überaus große Schwierigkeiten") endenden Kletterskala drei weitere Stufen hinzugefügt. Für den Laien ist es kaum nachvollziehbar, doch statistisch eine Tatsache, daß die Kletterer in ihren Wänden seltener verunglücken als Tourengeher oder konventionelle Bergsteiger.

Prinzipiell aber trifft der Bergtod Routiniers und Dilettanten gleichermaßen.

Zu den rund 700 Wanderern, Kletterern und Skifahrern, die jährlich am Berg ihr Leben lassen, gehören trittsichere Könner ebenso wie der oft zitierte Urlauber in Sandalen, der sich in der Nähe der Seilbahn-Gipfelstation im Nebel verirrt oder auf einem leichten Pfad ausrutscht. "Viele Leute vergessen auch, daß der Weg am Gipfel nicht zu Ende ist", sagt der zweite Vorsitzende der Bayerischen Bergwacht, Hans Sonderer. Die meisten Einsätze der ehrenamtlichen Bergretter gelten Alpinisten, die sich bereits beim Abstieg befinden.

Zumindest in den bayerischen Alpen hat sich die Zahl der Bergtoten in der ersten Jahreshälfte nur geringfügig erhöht: von 30 im Vorjahr auf 33. Auch DAV-Geschäftsführer Hartinger glaubt nicht, daß sich aus den Hiobsbotschaften der vergangenen Wochen ein Trend ableiten läßt: "Von unseren 600 000 Mitgliedern kommen pro Jahr rund 80 in den Bergen ums Leben." Daran wird sich nach Hartingers Einschätzung in diesem Jahr nichts ändern.

Es sind nicht nur individuelle Fehler wie Leichtsinn, Selbstüberschätzung, Konditions- und Ausrüstungsmängel oder Ortsunkenntnis, die auch die zumeist gut geschulten DAV-Mitglieder bedrohen. Bergführer Wastl Fürstaller verweist auf die "objektiven Gefahren", die im Hochgebirge lauern: Lawinen, Steinschlag, Gletscherspalten, Gewitter und plötzliche Wetterstürze. "In der Berichterstattung wird manchmal so getan, als sei dieses Restrisiko neu", sagt der 45jährige, der in Ellmau am Wilden Kaiser eine Berg- und Wanderschule betreibt. Fürstaller hat seinerzeit einen Blitzschlag überlebt, der nur wenige Meter über ihm in den Gipfel fuhr und ihn selbst noch einige Meter durch die Luft schleuderte.

Ein tödlicher Spielplatz

Der Österreicher attestiert seinen Kunden eine steigende Risikobereitschaft, die ihn auch persönlich betrifft: "Früher war ein Bergführer in den Alpen Standard, heute gehen die meisten Leute auf eigene Faust los." Die einschlägige Fachliteratur mit detaillierten Wegbeschreibungen suggeriert ehrgeizigen Amateuren, daß sie auch im Do-ityourself-Verfahren ganz hoch hinauskommen. Ein gefährlicher Trugschluß, wie Fürstaller glaubt: "Wer 45 Wochen im Jahr bei Kunstlicht arbeitet, kann für das Wetter einfach kein Gespür haben."

Führungen an seinem Hausberg, dem Wilden Kaisers, bringen dem Familienvater Fürstaller finanziell schon lange nicht mehr genug ein. In den Sommerwochen arbeitet er als Handlungsreisender. Erfahrene Bergführer sind nur noch an den Viertausendern in den Westalpen und ein paar Modebergen wie dem Großglockner oder dem Großvenediger gefragt, die in der Gipfelsammlung standesbewußter Alpinisten nicht fehlen dürfen.

Die Unglücksserie und die zunehmende Unvernunft in den Bergen haben jetzt wieder Stimmen laut werden lassen, die die unbegrenzte Freiheit im größten Freizeitpark der Welt begrenzen wollen. Eine österreichische Zeitung verlangte in der vergangenen Woche die Einführung eines "Führerscheins" für Bergsteiger. Und Alpin-Star Reinhold Messner fühlt sich wie einer, der die Geister nicht mehr los wird, die er selbst gerufen hat. Der Südtiroler würde jetzt am liebsten die Notbremse ziehen.

Doch daß es in den Alpen im Ernst einen Numerus clausus für Klettermaxen geben wird, ist kaum anzunehmen. Die krisengeplagte Tourismusbranche in den Alpen braucht nicht nur jeden zahlenden Gast, sondern hat gerade abenteuerlustige Bergsportler als lohnende Zielgruppe wiederentdeckt.

Andererseits tun gerade die Talorte kaum etwas, um Anfänger und Spontanwanderer auf die Gefahren und auf die aktuellen Wetter- und Wegverhältnisse hinzuweisen. "Die intensive Aufklärung fehlt", klagt Hans Sonderer von der Bergwacht.

Während an der See bei Sturm oder Strömungen Badeverbote verhängt werden, bleiben die Alpen jederzeit für jedermann geöffnet. Und der Deutsche Alpenverein macht sich dafür stark, das "freie Betretungsrecht" beizubehalten. Geschäftsführer Hartinger sieht in den Alpen "einen Gesundbrunnen". Statt bestimmte Personengruppen von riskantem Terrain auszusperren, appelliert er lieber an die "Selbstverantwortung".

Doch damit ist Hartinger ein einsamer Rufer auf dem Berg, dessen Echo schnell verhallt. Gefahr, Nervenkitzel und der spätere Lohn für die Angst machen ja gerade die Faszination vieler Outdoor-Disziplinen aus. Ein erfahrener Bergsteiger wie Georg Strieder findet am Fels jene "Freiheit, die es in der reglementierten Welt nicht mehr gibt." Und dann fügt er grinsend hinzu: "No risk, no fun."

Ein tödlicher Spielplatz

Der Wilde Kaiser hat an diesem grandiosen Sonntag zwar keinen Beitrag zur alpinen Todesstatistik geleistet. Aber am frühen Nachmittag zieht sich ein junger Mann beim Sturz am Jubiläumssteig erhebliche Verletzungen zu.

"Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und alpine Erfahrung erforderlich" steht auf einem Schild, das der Deutsche Alpenverein am Beginn des Pfades aufgestellt hat. Wer die Alpen als Einladung zum arglosen Spielen versteht, muß damit rechnen, daß er zum Spielball der Elemente werden kann.