Daß die Zahl der Todesopfer in diesen Wochen besonders hoch ist, liegt am Wetter: In den Hochlagen der Alpen fiel bis in den Juli hinein "katastrophal viel Schnee", wie Hartinger weiß. Wochenlang ging auf vielen Bergen - beispielsweise auf dem berühmten Matterhorn - gar nichts. Nachdem sich das Wetter gebessert hat, hat jetzt der große Ansturm begonnen. Doch in vielen Klettergebieten lauern weiterhin für die Jahreszeit ungewohnte Gefahren. "Das ganze Gebirge", sagt Hartinger, "ist noch naß". Glitschige Felsen und vom Sonnenschein gehärtete Schneefelder vervielfachen die Risiken beim Auf- und Abstieg.

Davon läßt sich offenbar niemand schrecken, im Gegenteil. Die Bereitschaft, sich in Lebensgefahr zu begeben, nimmt unter den Wohlstandsbürgern in aller Welt dramatisch zu. "Die Götter müssen wütend sein und die Bergsteiger verrückt" titelte das US-Nachrichtenmagazin Newsweek nach einer weiteren Gipfelstürmertragödie am Mount Everest Ende Mai. Nirgends ist die Gefahr größer als auf dem höchsten Berg der Welt: Statistisch kehren von sieben Bergsteigern nur sechs lebend vom Gipfel zurück.

Seit Menschen auf die Gipfel streben, haben der Himalaya und die Alpen ihren Tribut gefordert. Doch während sich einst nur Kenner und Könner in die sprichwörtlichen Todeszonen wagten, stauen sich heute an den Klettersteigen der Kultgipfel Amateure und Anfänger aus aller Herren Länder, denen das Dasein in der Ebene zu fad geworden ist.

Freizeitdesperados in Kompaniestärke fühlen sich berufen, ihre Steigeisen in mörderische Eisfelder zu schlagen, Schneestürmen in dünner Luft die Stirn zu bieten und - wenn bis dahin alles gutgeht - ganz oben das Werbeplakat ihres Sponsors zu entrollen. "Viele leiden an absoluter Selbstüberschätzung und sind vom Ehrgeiz zerfressen", hat Hartinger festgestellt.

Der DAV-Geschäftsführer war fünfzehn Jahre Heeresbergführer und hat selbst fünfmal den 4807 Meter hohen Montblanc erstiegen. Am höchsten Alpengipfel ist in diesen Wochen der Teufel los. In der "Gouter-Hütte", die 180 Schlafplätze bietet, lagern in 3817 Meter Höhe jede Nacht zwischen 300 und 400 Gipfelstürmer. "An Schlaf ist nicht zu denken", beschreibt Hartinger die Zustände, "die Leute können sich nur hinkauern." Nach seiner Schätzung ist schon nach der schnellen Auffahrt mit der Zahnradbahn ein Drittel der Bergsteiger höhenkrank: Schwindelgefühle, Übelkeit und Störungen des Gleichgewichtssinns erhöhen das Unfallrisiko dramatisch.

Doch kaum jemand hat angesichts der drangvollen Enge in der Hütte oder knapp kalkulierter Urlaubstage die Geduld, vor dem Aufstieg vier bis fünf Tage in dieser Höhe zu warten. "Diese Zeit braucht man, um sich zu akklimatisieren und sich einzulaufen. Aber keiner tut das", kritisiert der Tiroler Bergführer Wastl Fürstaller. Viele Montblanc-Herausforderer gehören eigentlich ins Bett und nicht auf den Gipfel.

Daß unter diesen Umständen allein in der ersten Augustwoche zwanzig Bergsteiger am Montblanc zu Tode kamen, überrascht schon nicht mehr. Der prestigeträchtige Gipfel lockt auch deshalb so viele unbedarfte Emporkömmlinge an, weil er alpinistisch als leichte Beute gilt. "Da kann man eine Kuh hinauftreiben", sagt Fürstaller geringschätzig.