Schmidt oder Schmidtie, wie ihn seine Freunde nennen dürfen, ist unglücklich, weil Mary gestorben ist und Charlotte ihn verlassen wird. Da er keine beruflichen Pflichten mehr hat, packen ihn die Furien des Alters und der Einsamkeit. Es kommt erschwerend hinzu, daß er seinen Schwiegersohn nicht mag. Jon ist ebenfalls Sozius in besagter Kanzlei, und Schmidt verargt ihm einiges: daß er ein Karrierist ohne geistige Interessen ist, daß er ihm die einzige Tochter wegnimmt und daß er Jude ist.

Ist Schmidt ein Antisemit? Charlotte scheint davon überzeugt. Auf dem Höhepunkt ihrer beider Entfremdung und Auseinandersetzung bezichtigt sie ihn der Judenhetze. Schmidt, der von sich sagen kann, er habe Jons Ernennung zum Sozius erst möglich gemacht, ist wütend und treibt Gewissenserforschung: "Schätzt du Juden, Schwarze, Puertoricaner oder Homosexuelle? En bloc: Nein."

Muß man Juden mögen? fragt er sich. Hat er nicht das Recht auf seine Gefühle?

Sitzt er etwa zu Gericht über die Gefühle der Juden? "Mir genügt es, wenn sie sich anständig betragen." Schmidt redet mit seinem besten Freund, dem jüdischen Filmregisseur Gil. Der sagt: "Du solltest nicht unterschätzen, wie verletzend Antisemitismus für Juden ist - selbst wenn er so harmlos, man könnte auch sagen: so belanglos (engl. irrelevant) daherkommt wie deiner."

So einfach der Roman zu lesen ist, so vertrackt ist er zugleich. Wenn Schmidt wenigstens Smith hieße! Dann wäre die Sache für den deutschen Leser etwas leichter. Und dieser Schwiegersohn in spe - nicht, daß er ein geldgieriger Jude wäre, aber er kommt dem Klischee ziemlich nahe, wenn er überaus geschäftstüchtig das Beste aus Schmidts Angebot zur Mitgift herausholt und wenn er, als am Ende Schmidts Bettgenossenschaft mit der jungen Kellnerin Carrie ruchbar wird, dringend zu einer juristischen Absicherung rät: "Die wird dich ausplündern bis aufs Hemd." Und weil Carrie eine Puertoricanerin ist, mithin so gut wie schwarz, sagt Charlotte: "Bei unserer Hochzeit will ich sie nicht sehen."

So sind sie, diese Vertreter der weißen Mittel- und Oberschicht an der Ostküste. Sie trinken Champagner und verbringen ihren Urlaub in Venedig, sie haben eine gute Adresse in Manhattan und ein Haus auf dem Land, sie arbeiten hart und joggen bei jeder Gelegenheit, aber sie sammeln nur die Attribute des Wohlstands. Warum und wozu - diese Fragen sind ihnen kulturgemäß fremd. Nur dem Frührentner Schmidt, verlassen von Weib und Kind und Klientel, ist der Sinn des Lebens plötzlich ein Problem.

Nein, auch Schmidt ist nicht unbedingt liebenswert. Er ist larmoyant, selbstgerecht, besserwisserisch, und wenn er von Liebe spricht, sollten wir ihm mißtrauen. Zwar weint er seiner Mary nach, aber betrogen hat er sie damals nicht gerade selten, einmal sogar im eigenen Haus mit dem Au-pair-Mädchen. Schmidt erinnert sich gerne daran. Eine Zeitlang pflegte er abends Mary zu beschlafen und sich in der Nacht mit Corinne zu vergnügen. Und die Liebe zu Carrie? Das kraushaarige Mädchen mit dem Schwanenhals und den schweren Brüsten beschert ihm ein zweites Frühlingserwachen, aber da sie gerade mal Zwanzig ist, wird sie sich vermutlich irgendwann mit einem Gleichaltrigen zusammentun - so wie es Gil widerfahren ist, der weder seine Frau in zweiter Ehe aufgeben mochte noch die wunderbar erotische Sekretärin aus dem Büro. Die ist ihm nun weggelaufen. Die alten Herren tauschen sich beim Kognak ganz gern über solche Dinge aus.