Es ist rätselhaft: Der Leser fragt sich dauernd, ob er diesen Schmidt eigentlich mag, ob der nett ist oder ein Ekel. Und rätselhafter noch, daß man die nicht gerade aufregende Geschichte äußerst fesselnd findet, sie mit Anteilnahme und mit Beklemmung zu Ende liest. Zum einen liegt das an der ebenso präzisen wie leichtfüßigen Sprache Begleys, an der bis ins sprechende Detail ausgefeilten Architektur des Romans. Zum andern aber daran, daß wir uns in den Figuren wiedererkennen. Das betrifft weniger die äußeren Umstände, denn welcher Leser hat schon ein Haus in Bridgehampton und einen Vermögensberater. Wir erkennen uns wieder, weil Begley die Geschichte so weit ins Diesseits vorantreibt, daß das Jenseits bedrohlich sichtbar wird. Gibt es neben der Tatsache, daß man gut ißt und trinkt und vögelt und beruflich erfolgreich ist, einen darüber hinausgehenden und also verfehlten Sinn des Lebens? Die Frage stellt sich angesichts des Todes, und der ist nicht nur für Schmidt präsent. Wo aber wäre Transzendenz, wo wäre, in einer Welt der Vorteilsmaximierung, das Unbedingte, das Heilige?

Charlotte möchte zum Judentum konvertieren, weil das authentisch sei (engl.

genuine). Aber natürlich denkt sie nicht an das orthodoxe Judentum, sondern an die etwas bekömmlichere säkularisierte Form. Sie sucht Heimat in der Tradition, nicht im Glauben. Der entsetzte Schmidt weiß diesem Wunsch nichts entgegenzuhalten als die Tatsache, daß er einen anglikanischen Pfarrer kennt.

Das Wort Gott kommt im ganzen Buch nicht vor, und doch läuft alles auf ihn zu. Aber Gott ist nicht da, keiner hat ihn gesehen. Geld ist da, ziemlich viel sogar, aber natürlich zuwenig. Ein kultiviertes Leben führt man durchaus, man liest auch mal ein gutes Buch und geht in die Oper. Man hat eine Krankenversicherung und treibt Sport. Das Tafelsilber ist geputzt, der Werkzeugraum ist aufgeräumt. Der Feind ist draußen, er tritt in der Gestalt von Fixern und Pennern und Armen auf, und er kann jüdisch oder schwarz sein.

Der Feind ist drinnen, er meldet sich als Zweifel, Melancholie, Depression.

So leben wir dahin. Es geht uns ja ganz gut.

Niemand weiß, weshalb Andrew Cunanan "Schmidt" gelesen hat. Aber Schmidts Welt ist auch Cunanans Welt, weil es keine rechte Antwort auf die Frage gibt, wo die Grenzen der Selbstverwirklichung und des Individualismus liegen. Wenn es aus dem totalen Diesseits kein Entkommen gibt, dann sind die Begründungen für das moralisch richtige Handeln prekär.