John Horgan ist Redakteur bei Scientific American. Der erfahrene Wissenschaftsjournalist hat mit seiner These vom Ende der Wissenschaft eine heftige Debatte ausgelöst. "Man kann die großen Entdeckungen nur einmal machen", behauptet der Amerikaner. Sein zugegeben glänzend geschriebenes Werk biete nichts als "Zuckerwatte fürs Gehirn", wetterte das britische Magazin Nature. Ist Horgans These hilfreich, dumm oder gar gefährlich? (Im Internet läßt sich der Streit nachlesen: http://www.edge.org/3rd_culture/horgan/horgan_p1.html).

Wissenschaft ist ein endliches Unternehmen. Mehr noch, sie ist bereits am Ende, eingeschränkt von sozialen und wirtschaftlichen Faktoren, geschnürt in physikalische Gesetze, gefangen in den Grenzen des Erkennens. Sie wird bedroht von Technophobikern, Tierschützern, Schöpfungsgläubigen und religiösen Fundamentalisten. Postmoderne Philosophen schüren das Mißtrauen gegenüber der Forschung, geizige Politiker dörren sie aus.

Als sei das der Not nicht genug, legt die Forschung mit jedem Fortschritt eigene Grenzen fest. Seit Einsteins Relativitätstheorie kann sich Materie nur noch mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. Die Quantenmechanik läßt unseren Blick ins subatomare Detail in der Unschärfe verschwimmen. Die Chaostheorie lehrt uns, daß viele Phänomene prinzipiell nicht vorhersagbar sind. Und die Evolutionstheorie erinnert uns schmerzlich daran, daß wir Tiere sind, von der natürlichen Auslese hinreichend optimiert, jedoch nicht dazu geschaffen, die tiefe Wahrheit der Natur zu entdecken.

Gehen wir also in uns. Doch schon regt sich tief im Inneren Unmut, ja Widerstand. Unsere Leichen leben noch. Wer will es da wagen, der Wissenschaft, dem erfolgreichsten Unternehmen dieses Jahrhunderts, den baldigen Tod zu prophezeien?

Der Mann heißt John Horgan, Wissenschaftsjournalist, altgedienter Redakteur bei Scientific American, fürwahr ein Kenner der Szene. Vor einem Jahr trat er mit seiner These vom Ende der Wissenschaft, "The End of Science", an die amerikanische Öffentlichkeit. Jetzt erscheint die deutsche Ausgabe unter dem etwas versöhnlicheren Titel "An den Grenzen des Wissens" im Luchterhand Verlag.

Die bei weitem größte Barriere der Wissenschaft, glaubt Horgan, ist ihr Erfolg in der Vergangenheit. Die Forscher haben einen Plan der physischen Realität entworfen, der vom Mikrokosmos der Quarks und Elektronen bis zum Makrokosmos der Planeten, Sterne und Galaxien reicht. Physiker haben nachgewiesen, daß alle Materie aus einer begrenzten Zahl von Elementen besteht, die von wenigen Kräften beherrscht werden. "So weit, wie Wissenschaft bereits vorgedrungen ist, wird es schwierig, wenn nicht unmöglich sein, dem vorhandenen Wissen weitere grundsätzliche Aspekte hinzuzufügen." Davon ist Horgan überzeugt und prophezeit: "Die Forschung verliert sich im Detail." Wer heute forsche, sei einfach zu spät geboren. Die Zeit der großen Entdeckungen sei vorbei.

Was nun? Schicken wir das Nobelpreiskomitee in den wohlverdienten Ruhestand, investieren den Haushalt des Forschungsministeriums in die Subventionierung verarmter Theater, schließen die Institute und spendieren den Soldaten an der Oder lieber ein paar neue Hosen?

Wir haben noch Hoffnung. Einige wenige Wissenschaftler sind immerhin noch ambitioniert und kreativ genug, um sich nicht mit der Suche nach Details zufriedenzugeben. Sie sind auf der immerwährenden Jagd nach der nächsten wissenschaftlichen Revolution. Doch selbst diese Überforscher kommen bei John Horgan schlecht weg. Sie errichteten nur immer neue, immer gewagtere Gedankengebäude, schimpft der Amerikaner, fern jeder Empirie, eitel und unnütz. Wer wolle etwa je die Superstring-Theorie beweisen, die Annahme von Paralleluniversen oder die Gaia-Hypothese, die die ganze Erde als Organismus betrachtet?

Doch hat es nicht schon immer gewagte Spekulationen gegeben? Wurden nicht auch Galilei und Darwin zunächst verlacht? Ist die Prophezeiung vom Ende der Wissenschaft nicht schon so alt wie die Wissenschaft selbst?

Auch hier hat Horgan einen Einwand parat: Weil die Wissenschaft in der Vergangenheit so rapide Fortschritte gemacht habe, müsse das doch nicht zwingend so weitergehen. Wissenschaft im modernen Sinn gebe es erst seit einigen hundert Jahren, und ihre spektakulärsten Entdeckungen habe sie im letzten Jahrhundert ihrer bisherigen Existenz gemacht. "Wenn man die Geschichte der Wissenschaften aus nüchternem historischen Blickwinkel heraus betrachtet, dann erweist sich die moderne Ära des rasanten technologischen und wissenschaftlichen Fortschritts nicht mehr als ein permanentes Phänomen, sondern als Sonderfall, als Produkt einer einzigartigen Konvergenz sozialer, intellektueller und politischer Faktoren."

Das mag ja sein, aber muß man nicht einfach nur die offenen Fragen aufschreiben, um klarzumachen, daß Wissenschaft noch lange nicht am Ende ist? Wie entwickelt sich aus einer einzelnen Zelle ein kompletter Organismus? Wie arbeitet das Gehirn? Wie sind die Galaxien entstanden? Wie kann man die Gravitation mit Quantenphänomenen in Einklang bringen? Was passiert im Inneren von schwarzen Löchern? Warum waren die Anfangsbedingungen des frühen Universums so symmetrisch? Und ruft nicht jede mögliche Antwort wieder neue Fragen hervor? "Die meisten Fragen, die gegenwärtige Theorien aufwerfen", wendet Horgan ein, "sind solche nach Details: Wann genau begannen unsere Vorfahren aufrecht zu gehen? Auf welchem Chromosom liegt das Gen für zystische Fibrose (eine Erbkrankheit, d. Red.)?" Antworten auf solche Fragen mögen zwar enormen praktischen Nutzen haben, aber sie bestärken eher gegenwärtige Paradigmen, als daß sie grundsätzliche neue Einsichten erlauben. Andere Fragen betreffen tatsächlich grundlegende Aspekte des wissenschaftlichen Weltbildes. Doch sie sind schlicht nicht zu beantworten. Warum fand der Urknall statt, und was war vor dem big bang?" Wieder andere Fragen, wie die nach der Existenz des Universums, dem Wesen der physikalischen Gesetze oder gar des Lebens, mündeten alle in die große philosophische Frage: Warum gibt es etwas und nicht nichts?

Selbst das Problem des menschlichen Bewußtseins findet Horgan zwar spannend, aber weder lösbar noch tatsächlich fundamental. Schließlich sei das Phänomen des Geistes nur auf einen Ausschnitt der Raumzeit, auf einen winzigen Planeten in einem unbedeutenden Sonnensystem beschränkt.

Horgans Thesen haben schon jetzt für Furore gesorgt. Paul Davies etwa, Professor für Naturphilosophie an der Universität von Adelaide in Australien, kann soviel Ignoranz gar nicht glauben. "Das Bewußtsein ist immer noch ein großes Rätsel. Wir wissen nicht, wie es entsteht, was es für ein System bedeutet, bewußt zu sein, oder warum es Qualia, subjektive Empfindungen, gibt (vorausgesetzt, man glaubt daran, daß sie existieren). Auch wenn Bewußtsein vielleicht kein fundamentaler Aspekt des Universums ist, bleibt es doch immer noch ein Rätsel, das gelöst werden muß."

"Tatsächlich ist die Wissenschaft des Geistes heute in gewisser Hinsicht empirischer und weniger spekulativ als etwa in den Tagen Freuds", gesteht Horgan ein. "Dennoch glaube ich nicht, daß man das Problem des Bewußtseins so lösen wird, wie die Menschen es gelöst haben wollen, jedenfalls nicht anders oder weitergehend, wie die Molekularbiologie das Geheimnis des Lebens gelöst hat."

Robert Shapiro, Chemiker an der City University of New York, ist da anderer Ansicht. "Natürlich werden wir solche Rätsel nicht schnell lösen können, das ist aber auch gar nicht nötig. Das Universum ist fünfzehn Milliarden Jahre alt. Das Geschäft mit der Wissenschaft betreiben wir höchstens seit ein paar Jahrhunderten. Nach einem Jahrtausend oder vielleicht nach zweien sollten wir uns zurücklehnen und fragen: Nun, wie geht es uns heute? Es gibt jetzt keinen Grund, über das Ende der Wissenschaft zu reden. Wir stehen noch ganz am Anfang."

Ist Horgans Buch also nur eine simple Provokation? Oliver Morton, Redakteur bei Wired und Newsweek International, hat einen ganz anderen Verdacht: "Mir kommt es so vor, als sei Johns eigentliches Thema 'Das Ende der Geschichten', nach dem Motto: Ich bin jetzt eine ganze Weile Wissenschaftsjournalist gewesen, und ich habe jede nur erdenkliche Geschichte schon mindestens zweimal geschrieben. Es gibt nichts mehr zu tun."

Morton irrt. Es gibt genug zu tun. John Horgan ist eine intelligente Provokation gelungen, rhetorisch brillant und kenntnisreich. Eine Provokation, die Taten und neues Nachdenken verlangt. Der Originaltitel jedoch geht zu weit. "The Ends of Science" sollte das Werk zunächst heißen. "Der Titel war für ein breites Publikum zu subtil", verteidigt sich Horgan, als sei die Annahme von Grenzen in der Wissenschaft nicht schon provozierend genug.

Wenn das Ende doch nicht in Sicht ist, wie steht es mit diesen Grenzen des Erkennens? Wir haben deutsche Forscher gebeten, Stand und Zukunft ihrer Disziplin zu skizzieren. Ergebnis: Optimismus allerorten, aber auch nachdenkliche Töne. Innehalten und die Ziele neu bestimmen, das geschieht im hektischen Wissenschaftsbetrieb viel zu selten. Dazu ist Horgans Buch ein willkommener Anlaß.

Lesen Sie die Standortbestimmungen der deutschen Wissenschaftler bitte auf den Seiten 34 bis 36 im Ressort WISSEN.