Mit neuer Technik will der japanische Elektronikmulti Sony in den Computermarkt einbrechen. Ein ZEIT-Gespräch mit Konzernchef Nobuyuki Idei

ZEIT: Herr Idei, geht es nach den Vorstellungen von Sony, werden künftig alle elektronischen Unterhaltungsgeräte per Netz oder Funk miteinander verbunden sein und verschiedenste Aufgaben bewältigen. Wie sieht denn der Walkman der Zukunft aus?

Idei: Heute ist der Walkman nur zum mobilen Abspielen von Musik gut. Künftig werden unsere tragbaren Produkte mit jeder Art von Bild, Text und Ton oder auch Computersoftware umgehen können. Sie bekommen Programme dann ebenso von CDs wie aus dem Internet - und vereinen so die Eigenschaften von Computern und klassischen Geräten der Unterhaltungselektronik.

ZEIT: Wissen Sie schon, wer Ihnen diese Multifunktionsapparate abkaufen wird?

Idei: Wir bezeichnen diese neue Kundengeneration als digital dream kids Konsumenten, die mit unseren computerisierten Produkten bestimmte Träume verwirklichen. Telephon, Radio, Kassettenrecorder, Fernseher - all diese Geräte machen zur Zeit den Sprung vom schwerfälligen analogen zum flexiblen digitalen Apparat durch. Und vielfach werden sie schon über Netze miteinander verbunden.

ZEIT: Die Technik für diese neuen Produkte kaufen Sie vorerst in den Vereinigten Staaten dazu. Für Ihren neuen Multimedia-Computer zum Beispiel kommen die Prozessoren vom Chiphersteller Intel und die Software von Microsoft. Besonders originell ist diese Kombination nicht.

Idei: Der Standard von Microsoft ist nun einmal die Sprache, die Personalcomputer heute sprechen. Um Erfolg zu haben, müssen unsere Computer sich zunächst danach richten. Aber wir erproben schon alternative, einfacher zu bedienende Systeme. Der eigentliche Kampf geht doch darum, wer bei künftigen Entwicklungen die Standards setzt - etwa beim Fernsehen über Computernetze. Das ist ein Produkt der digitalen Zukunft.

ZEIT: Um auf solchen Märkten zu dominieren, wollen Sie offenbar alles aus einer Hand liefern: Sony produziert Musik, besitzt große Filmstudios in Hollywood, baut Fernseher und nun auch Computer.

Mit neuer Technik will der japanische Elektronikmulti Sony in den Computermarkt einbrechen. Ein ZEIT-Gespräch mit Konzernchef Nobuyuki Idei

Idei: Stimmt.

ZEIT: Doch richtig erfolgreich waren Sie nur im Stammgeschäft. Sony hat zweimal erfolglos versucht, eigene Personalcomputer auf den Markt zu bringen. Und Hollywood hat Ihnen den einzigen Verlust der Unternehmensgeschichte eingetragen.

Idei: Hollywood ist sehr komplex - der Erfolg eines Filmunternehmens hat unter anderem viel mit dem Vertrieb zu tun. Bislang erwirtschaften wir bei der Columbia sechzig Prozent in den Vereinigten Staaten - das heißt, es gibt in Produktion und Vertrieb noch Wachstumsmöglichkeiten außerhalb der USA. Und das neue digitale Fernsehen erweitert unsere Absatzkanäle.

ZEIT: Sie könnten sich dabei übernehmen, die Unternehmenskulturen von Tokio, Silicon Valley und Hollywood zusammenzubringen.

Idei: Das glaube ich nicht. Früher oder später werden alle betroffenen Unternehmen vor dem gleichen Problem stehen. Ein Beispiel: In den Vereinigten Staaten ist der Versuch zunächst gescheitert, offizielle Standards für das digitale Fernsehen zu finden, und jetzt stehen achtzehn Formate zur Auswahl. Wer künftig Programme anbietet, muß ebenso mit Microsoft wie mit den Geräteherstellern zusammenarbeiten. Auch bei anderen Entwicklungen besteht der Zwang, mit Firmen aus den anderen Märkten zu reden. Wir wollen das alles bei Sony integrieren.

ZEIT: Bisher beherrscht eine Handvoll amerikanischer Firmen das profitträchtige Geschäft mit Chips und Programmen. Gegen die werden Sie es schwer haben.

Idei: Wir reden hier von der Zukunft. Die heutigen Personalcomputer sind noch sehr primitiv: Sie können nicht sprechen, die Chips sind sehr teuer, sie verbrauchen viel Strom. Diese Architektur wird nicht überleben. Im Jahr 2005 wird ein Computerchip so leistungsstark sein, daß wir damit machen können, was wir wollen. Software, Dienstleistungen und Vertrieb werden dann für den Erfolg wichtiger sein als die Geräte an sich. Wir sind uns sicher: Die neuen digitalen Geräte werden alle Bereiche der Gesellschaft erobern.

Mit neuer Technik will der japanische Elektronikmulti Sony in den Computermarkt einbrechen. Ein ZEIT-Gespräch mit Konzernchef Nobuyuki Idei

ZEIT: Und dann bringt uns der Unterhaltungskonzern Sony das totale Amusement - Entertainment auf tausend Kanälen. Bedrückt Sie das?

Idei: Nein, warum?

ZEIT: Kulturkritiker befürchten ein Überangebot an Unterhaltung, das jede ernsthafte Auseinandersetzung mit der Welt, jeden öffentlichen Diskurs zuschüttet. "Wir amüsieren uns zu Tode", hat der New Yorker Medienprofessor Neil Postman schon vor einer Dekade gewarnt.

Idei: Sony ist ein Unterhaltungskonzern. Doch in Gesellschaften wie Deutschland oder Japan werden Bildungs- und Informationsangebote eine zunehmend wichtige Software für die neuen Geräte. Um Ihnen noch ein Beispiel zu geben: Viele Rentner haben Zeit und genug Geld. Sie wollen ihr Leben gestalten und finden in den neuen Medien Möglichkeiten, entsprechend ihrer individuellen Interessen neues Wissen und neue Erfahrungen zu sammeln.

ZEIT: Und die kaufen dann durch die Bank Sony-Produkte?

Idei: Schauen Sie, eines meiner Interessengebiete ist das alte Ägypten. Natürlich sind viele Bücher darüber erschienen, aber wenn es alle relevanten Informationen in Bild und Schrift auf dem Computer gibt, finde ich das extrem hilfreich. Ich denke, wir können mit Leuten wie dem Rentner Idei gute Geschäfte machen, indem wir Ihnen einen Mix aus Information und Unterhaltung anbieten.

ZEIT: Bisher ging der Trend in Ihrer Branche zu seichter Unterhaltung. Das gilt auch, mit Verlaub, für die Sony-eigene Filmfirma in Hollywood. Deren größtes Projekt ist derzeit ein Remake des Monsterstreifens "Godzilla".

Mit neuer Technik will der japanische Elektronikmulti Sony in den Computermarkt einbrechen. Ein ZEIT-Gespräch mit Konzernchef Nobuyuki Idei

Idei: Bislang gibt es auch nur sehr wenige Übertragungswege. Im Privatfernsehen sind noch Werbung und damit Einschaltquoten ausschlaggebend da können Sie keine Bildungsangebote senden. Sobald es im digitalen Fernsehen mehr Kanäle gibt und der Zuschauer pro Beitrag oder pro Monat bezahlt, können Sie ihm mehr Informationen, mehr Bildung anbieten.

ZEIT: Der Digital-Guru Nicholas Negroponte träumt von einem Toaster, der ihm jeden Morgen den aktuellen Börsenkurs seiner Lieblingsaktie auf das Frühstücksbrot brennt. Welche digitalen Endgeräte werden denn künftig am Netz hängen - auch die Maschinen in der Küche?

Idei: Es ist durchaus denkbar, daß sich Ihr Kühlschrank künftig Software aus dem Internet herunterlädt. Aber wir denken besser nicht an die Geräte, die wir heute kennen. In zehn Jahren wird es fundamental andere Geräte geben.

ZEIT: Zum Beispiel?

Idei: Das kann sich heute noch keiner vorstellen. Das ist ja das Aufregende. Vielleicht haben Sie das Buch von Bill Gates gelesen. Der schreibt auch viel über vergangene Erfolge, wenig über die Visionen.

ZEIT: Immer wieder Bill Gates und Microsoft. Wie wollen Sie seine Macht brechen?

Idei: Microsoft und Intel dominieren heute den Personalcomputer als Kiste. Die aktuellen PCs sind noch nicht für die vernetzte Gesellschaft gemacht. Auch der sogenannte Network PC wird scheitern. Um neue Computerarchitekturen, die alle Bereiche des Alltags durchdringen werden, geht der Kampf jetzt wieder von vorne los. Ich weiß nicht, ob Microsoft dieses Geschäft noch beherrschen wird. Ob wir gewinnen, weiß ich natürlich auch nicht, aber wir gehören zu den Topkandidaten.

Mit neuer Technik will der japanische Elektronikmulti Sony in den Computermarkt einbrechen. Ein ZEIT-Gespräch mit Konzernchef Nobuyuki Idei

ZEIT: Indem Sie künftig Fernsehzuschauer, Computerbenutzer, Video- und Musikfans vernetzen, können Sie sich auch zunehmend über die Interessen und Konsumgewohnheiten Ihrer Kundschaft informieren. Die Konsumenten werden langsam gläsern.

Idei: Das ist nicht mein Problem, sondern ein Problem der Informationsgesellschaft. Ob es Ihnen gefällt oder nicht: Ihre Bank und Ihre Telephongesellschaft haben jede Menge Informationen über Sie. Sony ist daran viel weniger interessiert. Insgesamt besteht aber ein Problem, für das ich keine Lösung habe.

ZEIT: Als wir im Internet Sonys Adresse anliefen, wollte Ihre Firma erst einmal Name, Alter und Adresse wissen. Wie weit wird das noch gehen?

Idei: Wir versuchen, unsere Geräte in der Wohnung zu vernetzen. Dagegen wollen die Telephongesellschaften die Haushalte auch per drahtloser Kommunikation anbinden - und beschleunigen den Prozeß damit wahrscheinlich weit mehr. Wir haben bislang noch gar kein Interesse an einer völligen Vernetzung, ich kann darin jedenfalls noch keinen Vorteil für den Konsumenten erkennen.

ZEIT: Man kann sich kaum ein globaleres Unternehmen als Sony vorstellen. Ihr Geschäft verteilt sich fast gleichmäßig auf Japan, Europa und Amerika. Fühlen Sie sich Japan gegenüber zur Loyalität verpflichtet?

Idei: Ich glaube schon. Spirituell sind wir tief in der japanischen Tradition verwurzelt.

ZEIT: Beeinflußt das auch Ihre Standortentscheidungen?

Mit neuer Technik will der japanische Elektronikmulti Sony in den Computermarkt einbrechen. Ein ZEIT-Gespräch mit Konzernchef Nobuyuki Idei

Idei: Nein, wir fertigen überall, wo wir verkaufen. Auf dem japanischen Markt machen wir 30 Prozent unserer Umsätze, wir wollen das auf 35 Prozent erhöhen. Japan ist für uns ein wichtiges Forschungs- und Entwicklungszentrum und auch Standort für kapitalintensive Fertigung. Die Montage der hier verkauften Geräte verlagern wir zunehmend nach Malaysia, Singapur oder Indonesien.

ZEIT: Tatsächlich verlagern Sie Arbeit allerorten aus den Ländern mit hohen Kosten in Niedriglohnländer. Zumindest kurzfristig lösen Sie damit Arbeitslosigkeit in den führenden Industrienationen aus. Bedrückt Sie das?

Idei: Das stimmt nicht, in Japan expandieren wir jährlich um acht bis zehn Prozent, und wir müssen dort niemanden entlassen. In Europa und den USA bauen wir sogar aus. Ich halte es allerdings für ein falsches Konzept, Arbeitsplätze mit Fabrikjobs gleichzusetzen. Auch das Konzept der lebenslangen Beschäftigung, das bei uns in Japan stark verwurzelt ist, halte ich für überholt. Und makroökonomisch wäre es für Japan wie auch für Deutschland vernünftig, den Anteil der Industriefertigung schneller zu verringern und den Wechsel zur Informationsgesellschaft voranzutreiben.

ZEIT: Sie glauben also nicht, daß die Globalisierung den Industrieländern mehr Armut bringt.

Idei: Im Gegenteil.

ZEIT: Schafft Sony denn irgendwelche Ersatzarbeitsplätze für die wegfallenden Fabrikjobs?

Idei: Wir beschäftigen weltweit 160 000 Leute, vor einigen Jahren waren es nur 100 000. Das heißt, wir haben neue Jobs geschaffen. Und zwar nicht hauptsächlich in Japan, sondern in Amerika, in Europa und in asiatischen Ländern. Diese Arbeitsplätze sind vor allem in der Montage entstanden, aber ich glaube, daß wir künftig mehr Jobs für geistige Arbeit schaffen.

Mit neuer Technik will der japanische Elektronikmulti Sony in den Computermarkt einbrechen. Ein ZEIT-Gespräch mit Konzernchef Nobuyuki Idei

ZEIT: Auch in Deutschland?

Idei: Deutschland ist ein schwieriger Standort - zumindest wenn Sie dort die Endgeräte selbst herstellen, sind Sie nicht länger wettbewerbsfähig. Die Steuern sind hoch, andere Kosten auch. Und viele interessante Software-Unternehmen gibt es wohl auch noch nicht. Deutsche Hersteller verlagern Produktionen ins Ausland. Da will ich nicht den umgekehrten Weg gehen.