Obgleich er als Feuilletonist für den schnellen Verzehr schrieb, kann sich so mancher Roman-Hanswurst eine dicke Scheibe von ihm abschneiden.

Gemessen am geistig-ästhetischen Nährwert seiner Theaterkritiken, Glossen und Novelletten, die in Wiener und Berliner Zeitungen erschienen und seit den Jahren des Ersten Weltkriegs in Siegfried Jacobsohns Schaubühne, der späteren Weltbühne, ihr exclusivstes Forum fanden, zeitigt Polgars Kleine Form die Wirkungsdauer großer Kunst. Es ist das vielfältige Schnipselwerk eines mit dem diskreten Charme des Flüchtigen spielenden Flaneurs, dem der Rhythmus des Großstadtgetriebes unentwegt die Mühe abverlangt, "aus hundert Zeilen zehn zu machen". Was am Ende, in der Summe den Geist, die Moden, das Tempo einer ganzen Epoche erhellt.

1937, ein Jahr bevor Polgar über die Exilstation Paris nach Hollywood floh, publizierte er das "Handbuch des Kritikers": eine damals vielgelobte, jetzt als Neuausgabe vorliegende Auswahl seiner feuilletonistischen Miniaturen. In ihrer perfekten Verknappung, ihrem Pointen- und Sentenzenreichtum oszillieren sie zwischen Skizze, Aphorismus und phantasierender Reflexion. Thematisch ergeben sie ein so zeitloses wie unterhaltsames Kaleidoskop urbanen Kulturlebens. Theater, Kino, Dichtung, Boulevard - Polgar mikroskopiert alles und jeden: den Komiker auf der Bühne, die Artistik der "Reck-Turner" im Varieté, das Filmerlebnis, den Jazz, das Radio.

Nichts freilich inspiriert den Kritiker mehr als die Welt des Theaters. Der gebürtige Wiener, in der Zwischenkriegszeit einer der wichtigsten Rezensenten deutscher Zunge, hat das Theater wie kein anderer als sinnliche Anstalt begriffen, als Ort der Illusion und der "Magie". Wie und was auch immer gespielt wird: "Der ewige, geheimnisvolle, allereigentlichste Reiz des Theaters", vermerkt sein Brevier, "ist das Theater. Der Apparat und die Zeremonie." Entsprechend skeptisch steht Polgar dem politisch-agitatorischen "Zeittheater" gegenüber. Wie überhaupt er allen Weltverbesserungsprogrammen zutiefst mißtraut. Ihn interessieren Shakespeares Narren, Schauspielkunst, Requisiten, Rituale, das japanische Theater (von dem zu lernen wäre) sowie Fragen wie die nach dem Vorhang: Soll er "senkrecht hochgezogen oder seitlich gerafft werden"? Weil nämlich das Publikum, die Masse im Parkett, nicht Belehrung, sondern Erregung will, gewinnen solche und andere Fragen zunehmend an Gewicht.

Ihre feingeschliffenen Antworten sind Perlen deutschsprachiger Kurzprosa. Und als solche eine Einladung an alle, es in diesen fabulierseligen Zeiten endlich (oder wieder) mit Polgar zu probieren!

Alfred Polgar: Handbuch des Kritikers Mit einem Nachwort von Marcel Reich-Ranicki Zsolnay Verlag, Wien 1997 118 S., 26,- DM