Berlin Seine Hände zittern, die Kiefer mahlen im Akkord. Er hat die Nacht nicht geschlafen und am Morgen keinen Bissen heruntergekriegt. Christian M. ist wachsbleich, als er das Berliner Amtsgericht betritt. Er ist als Zeuge geladen und kommt sich doch wie ein Angeklagter vor. "Das Kollegenschwein" nennen ihn einige im Gerichtssaal. Weil er ausgepackt hat, stehen sechzehn Polizisten vor Gericht. Sie sind der Körperverletzung im Amt und der Strafvereitelung angeklagt, und einer aus der eigenen Truppe, Christian M.

eben, soll dies bezeugen. Der junge Polizeimeister hat sechs seiner Kollegen angezeigt, sie hätten Fußballfans, Ausländer, aber auch Skinheads rüde mit Fäusten traktiert. Andere hätten zugeschaut, ohne einzugreifen.

Christian M. gefährdet damit nicht nur die Karriere seiner Kollegen seine Zeugenaussage berührt auch ein Tabu, das die Berliner Polizei derzeit unter Diskussions- und Handlungszwang setzt: das Mobbing in Uniform. In einer Institution mit hoheitlichen Aufgaben ist dies mehr als nur ein betriebsinterner Konflikt.

Als Christian M. zu den Kollegen stieß, die jetzt auf der Anklagebank sitzen, schien er prädestiniert für die Rolle des Außenseiters: unerfahren und viel zu schmächtig für die kernige Mannschaft einer, der nie mitmachte - nicht bei den derben Sprüchen und nicht bei den "Boah, geil!"-Rufen, mit denen die Truppe sich einen Prügeleinsatz der Kollegen noch einmal per Video vorführen ließ. Spielverderber, Aufschneider - die "lieben Kollegen" ließen Christian M. büßen: Mal fand er seinen Dienstschrank samt Inventar auf den Boden gekippt, mal waren seine Sachen mit Tränengas besprüht. Er wurde zu unsinnigen Einsätzen beordert, dann hing eine Gasmaske an seinem Spind: "Du stinkst".

Christian M. traute sich schließlich, wenigstens die dienstlichen Verfehlungen anzuzeigen - trotz der Angst, von den Kollegen "rundgemacht" zu werden. Wenn er ihnen jetzt im Gerichtssaal gegenübersitzt und die Phalanx ihrer Verteidiger ihn in Widersprüche verwickelt, hat er nur noch den einen Wunsch: aus der Sache heil rauszukommen.

Stefanie L. ist dies nicht gelungen. Die 24jährige Berliner Polizistin hat sich am 20. Juli erschossen. Ihr Tod hat die "Mobbing-Diskussion" ausgelöst.

Für ihren Vater, einen pensionierten Bundeswehroffizier, steht fest, was für den Berliner Polizeipräsidenten "haltlose Unterstellung" ist: "Die haben sie in den Tod getrieben. Als ihr der Beruf genommen werden sollte und sie als verhaltensgestört abgestempelt wurde, hat sie keinen Ausweg mehr gesehen."