Die Geschichte grausam, aber ewig gleich. Der Mensch eine arme Sau, aber unwichtig.

Die grausame Botschaft aus dem Märchenreich der Arundhati Roy hat alle Vorzüge eines neokonservativen Weltbildes, ohne dessen Schattenseiten. Sie birgt jede gewünschte Dosis archaischer Geschichtsmythologisierung und verschont uns mit altväterlichen Begriffsmoränen. Sie ergibt sich in die Wiederkehr des ewig Schlechten und erspart uns den Phrasenschotter des untergehenden Abendlandes. Das macht Arundhati Roys Millionenwerk zur Seelenspeise für den gefesselten Vollzugsbeamten der globalisierten, vollautomatisierten Marktwirtschaft, der über alles reden und über nichts entscheiden kann. Exotisches Schnitzwerk am Altar hochindustrialisierter Ohnmacht. Düstrer Schicksalsgrund aus güldenem Kindermund.

Natürlich ist auch alles anders. Natürlich leidet die Autorin mit den Ohnmächtigen ihrer Geschichte. Natürlich ist sie die Anwältin der Machtlosen, der Frauen, der Kinder, der Unberührbaren. Natürlich ist Mutter Ammu eine Rebellin wider den Weltenlauf. Natürlich ist die Sprache, in der all das erzählt wird, die Sprache der Unterdrückten. Ein infantiler Sprechgesang, zerhackt, epileptisch, voller naiver und expressiver Bilder, die alles mit allem vergleichen, voller Refrains und Leitmotive, die durch das Buch tönen wie die Merseburger Zaubersprüche. Wenn es Erlösung gibt in diesem Kerker mittelalterlicher Lebensnöte, dann die einer kindlichen, einer weiblichen und wortmalenden Sprache. Der Sprache der kleinen Menschen und der kleinen Dinge.

Einer ungezähmten Sprache, die Angst mit Zigarrenstumpen vergleicht, Köpfe mit Schraubverschlüssen, Flugzeuge mit Motten, Wasser mit Seide, einen Geruch mit einem Hut, einen Fluß mit einem Totenschädel, ein Wort mit den Beinen eines Falters, sterbende Ameisen mit toastbrotessenden Elfen oder männliche Brustwarzen mit den Augen eines Bernhardiners. In dieser poetischen Unterwelt gibt es Krawatten, die gefrühstückt haben, Limonadenverkäufer mit dem Herzen einer Stewardeß, Autos mit einem Haifischlächeln und Fabriken, in denen das Schweigen wächserner Meerjungfrauen herrscht. Aber die wildgewordenen Sprachbilder versprechen etwas, das sie nicht halten. Sie singen von Befreiung vom universalen Verhängniszusammenhang und gehören doch ins Marschgepäck für die Reise ins mythologische Zeitalter. Sie erinnern an das ursprüngliche Chaos einer urgeschichtlichen epischen Rede - und bleiben doch stecken in den Manierismen und Steifheiten einer bloß simulierten Universalpoesie.

Und natürlich bleibt alles gleich. Der Anfang des Romans enthält das Ende, am Ende ist niemand schlauer als am Anfang. Der Fortgang einer Erzählung, die Entfaltung eines Charakters sind im Kreisverkehr dieses Romans nicht vorgesehen. So reiht sich Leben an Leben, Anekdote an Anekdote, ohne Maß, ohne Perspektive, ohne Hierarchie. Die Helden haben Marotten, aber keine Eigenschaften, sie haben eine Bestimmung, aber keinen Charakter, sie bieten prachtvolle Außenansichten, aber keine Innenwelt. Auf dem Oberdeck des Romans drängen sich die Figuren und Ereignisse in einer Art literarischer Überbevölkerung, in der Tiefetage, da, wo die liebe Christenseele und der deutsche Bildungsroman erst anfangen, ist alles öd und leer.

Weiß der einsame Held des freien Westens zuweilen nicht, mit welchem Turnschuh er in den zeitgenössischen Roman treten und wozu er darin agieren soll, bleibt den zahllosen Akteuren dieser indischen Atridensaga kaum Platz für eine eigene Bewegung. Die Spekulation auf den literarischen Massentourismus in das Reich der sagenhaften Großkonflikte lebt von dieser Differenz.

Liebesverbote, rächende Väter, verstoßene Töchter und des Schicksals erzene Hammerschläge sind schon lange nicht mehr der Stoff, aus dem die zierlichen Hardcover hierzulande sind. Ob der poetische Fatalismus des bestbezahlten Buchs der Saison nach den Scheckbüchern auch die Herzen und Köpfe verzaubert, weiß der Gott der millionenschweren Bücher allein. Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg. Aber das ist von Goethe und eine andere Geschichte.