Auftragskiller, glauben wir zu wissen, haben keine Heimat, keine Vergangenheit und keine Sekretärin. Und selbst die Sekretärin (Joan Cusack) des Auftragskillers Martin Blank (John Cusack) wundert sich, als sie in der Post eine persönliche Einladung an ihren Chef findet: Seine High-School-Abschlußklasse in Grosse Pointe, Michigan, feiert zehnjähriges Jubiläum, und Martin Blank ist herzlich willkommen.

In diesen zehn Jahren ist Martin einer der besten seines Fachs geworden, einer wie Lee Marvin in "The Killers". Aber das seelenvolle Marzipangesicht von John Cusack und seine Monologe auf der Couch des Psychotherapeuten verraten, daß dieser reisende Totmacher irgendwo auf dem Weg, zwischen ständig wechselnden Identitäten, sein Herz verloren hat. Vor zehn Jahren verschwand er gruß- und spurlos aus Grosse Pointe und aus dem Leben seiner großen Liebe Debbie (Minnie Driver), die inzwischen DJ geworden ist und Sätze wie diesen durch den Äther jagt: "Where are all the good men dead - in the heart or in the head?"

Martins Wiedersehen mit Debbie ist heftig und hart. Zur Katastrophe aber wird die Rückkehr an die Orte seiner Jugend. Zehn Jahre nur mußte die amerikanische Wirtschaftswalze wirken, um das Vorstadtidyll seiner Erinnerung in eine postmoderne Hölle zu verwandeln. Wo das Elternhaus stand, thront nun der häßlichste Supermarkt der westlichen Welt, dessen Verkaufspersonal schon zu entfremdet ist, um auch nur eine Sekunde vom Computerkriegsspiel aufzublicken, während ringsherum ein ganz realer Kugelhagel die Regale in Schutt und Asche legt.

Der Killer vermag die gesellschaftlichen Verhältnisse besser zu durchschauen als der brave Bürger - das wissen wir seit Jean-Pierre Melvilles "Eiskaltem Engel". Und von Melville kennen wir auch die Entscheidung, mit der der Killer für dieses Wissen bezahlt: Lügen oder Sterben. Weil Martin Blank aber in einer Komödie zugange ist und Sterben nicht in Frage kommt, ersetzt er die Lüge durch eine romantische Utopie: ein Leben mit der Liebsten, jenseits von Gut und Böse.

"Grosse Pointe Blank", der bei uns unter dem idiotischen Verleihtitel "Ein Mann - ein Mord" ins Kino kommt, hakt sich in zwei entscheidende Momente der Popkultur ein. Vom Titelverweis auf John Boormans Klassiker "Point Blank" bis zu den supersmart dahinrasenden Dialogen und Witzen über aktuelle Zeiterscheinungen reflektiert der Film das Stilgefühl der entspannten mittleren sechziger Jahre. Alan Arkin (als Blanks Psychiater) und Dan Aykroyd (als sein Konkurrent, der eine Gewerkschaft für Killer gründen möchte) sind Typen aus der Welt von "Minimax" Maxwell Smart und James Coburn in "Jagt Dr.

Sheefer". Der heftige und punktgenaue Einsatz von Popsongs, gesteuert von Joe Strummer, errichtet hingegen jenen ein Denkmal, die 1967 erst geboren wurden und Anfang der achtziger Jahre ihre High-School-Zeit verbrachten. Nicht nur den Außenseitern wie Martin Blank, die auch Clash, Siouxsie, Echo and the Bunnymen und Violent Femmes hörten, sondern ebenso ihren braveren Klassenkollegen, die in den Märchen von John Hughes, in "Breakfast Club" oder "Pretty in Pink", die kleine, süße Revolte durchspielen durften.

Der Film kennt die emotionalen Rhythmen dieser Leute, die zehn Jahre später Alkoholiker oder Immobilienmakler (oder eben Auftragskiller) sind, deren vergebene Chancen und gebrochene Schwüre in der alten Schulzeitmusik aber aufgehoben bleiben. Während des Klassentreffens in Grosse Pointe wird dies auch für deutschsprachige Zuschauer spürbar - denn es gab eine Zeit, da klang das große Versprechen auf besseres Erwachsensein exakt so: "Neunundneunzig Luftballons / auf ihrem Weg zum Horizont ...".