Peking Als der Rockpoet Cui Jian am vergangenen Samstag zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein Mikrophon in die Hand nahm, belehrte er sein Publikum in Sachen Geschichte: "In den fünfziger Jahren: Der Große Sprung nach vorn. In den sechziger Jahren: Kulturrevolution. In den siebziger Jahren: Die Viererbande. In den achtziger Jahren: Reform und Öffnung. In den neunziger Jahren: Das Chaos." Die Schickeria in der Pekinger "Stormbar" applaudierte dem 36jährigen frenetisch. Ein bißchen Kulturpessimismus ist bei den Reichen immer populär.

Aber hat Cui Jian, der populärste Regimekritiker im Riesenreich, recht? Ist das Chaos schon allmächtig? Einer würde ihm ganz gewiß vehement widersprechen: der Elektroingenieur Zhu Rongji, 68 Jahre alt. Er ist Cui Jians imaginärer Gegenspieler. Zhu behauptet von sich, Herr über die Unordnung der neunziger Jahre geworden zu sein. Sein strenger Gesichtsausdruck - markante Nase, scharf gezeichnete Augenbrauen - unterstreicht die Botschaft.

Die frechen Töne Cui Jians passen zum unverfrorenen Anspruch des wichtigsten Wirtschaftsreformers. Allerdings heißt es, Zhu Rongji vertrage keinen Spaß.

Schon nennt die westliche Presse ihn respektvoll einen "Wirtschaftszaren". In China ist sein Name mit dem Begriff der "Schweinebörse" bekanntgeworden: Er gilt als Initiator des chinesischen Aktienmarkts, und sein Familienname wird wie das chinesische Wort für Schwein ausgesprochen. Zhu ist Vizepremierminister der Volksrepublik und sitzt im Ständigen Ausschuß des Politbüros der Kommunistischen Partei. Das macht ihn zum fünftwichtigsten Mann im Staat. Das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek verlieh ihm den Titel "Chinas härtester Boß". Wohl zu Recht, denn er ist der Mann, der über den Reformkurs und damit über Ordnung oder Chaos im Reich der Mitte entscheidet.

Dem Einfluß Zhus scheint nun auch die Partei Rechnung zu tragen: In wenigen Wochen beginnt der 15. Parteitag, der die neue Ära nach dem Tod Deng Xiaopings einläuten soll, und es verdichten sich die Anzeichen für die Wahl Zhus zum Premierminister. Das zweithöchste politische Amt besetzt seit zehn Jahren Li Peng, der Frontmann der Konservativen. Er muß nach zwei Amtsperioden im März nächsten Jahres zurücktreten. Der Parteitag könnte die Weichen für die Wahl Zhus stellen, die offiziell durch den Nationalen Volkskongreß im Frühjahr erfolgen würde. Zhu soll ein gutes Verhältnis zu Staats- und Parteichef Jiang Zemin haben, da Jiang, wie es heißt, die Wirtschaftspolitik gern einem anderen überlasse. "Zhus Rolle ist überragend.

Er ist der Gestalter der gesamten Politik", verrät ein hochrangiger Regierungskader, der Zhus Wahl zum Premierminister für gesichert hält.

Seinen Ruf verdankt Zhu den Zahlen: "Ich bin mir sicher, daß China bis ins nächste Jahrhundert ein Wachstum des Bruttosozialprodukts zwischen acht und zehn Prozent und eine Inflationsrate unter fünf Prozent erreichen kann", meinte der Kommunistenführer im Mai. Westliche Börsengurus widersprachen ihm nicht. Denn seit Zhu im Sommer 1993 das Kommando über die Planwirtschaft übernommen hat - damals fungierte er auch als Zentralbankchef -, stimmen die Ergebnisse: Die Inflation sank von über zwanzig Prozent im Jahr 1994 auf heute sechs Prozent. Zhu hatte eine vorsichtige Kreditverknappung für Banken und Staatsbetriebe verfügt. Das Wirtschaftswachstum litt nicht: Reformsignale, wie die Einführung des Aktienmarkts, sorgten dafür, daß die Stimmung im Land optimistisch blieb.