Jerusalem Jeder, der die vielbefahrene Küstenautobahn Tel Aviv-Haifa benutzt, muß an Theodor Herzls Denkmal vorbei. Der Mann mit dem langen schwarzen Bart blickt mit verschränkten Armen auf den nach ihm benannten Ort Herzliya - eine typisch israelische Stadt mit High-Tech-Industrie, Hotels und Villen. Seine Utopie von einem Judenstaat ist Wirklichkeit geworden.

In Israel hat der Vater des Zionismus allerdings eher den Status eines respektierten entfernten Verwandten. Über ihn lernt man in der Schule, seine Bücher aber hat kaum einer gelesen. Mit dem Mitteleuropäer, der gerne Zylinder trug und am liebsten im Staat seiner Träume Deutsch als Landessprache eingeführt hätte, läßt sich nicht allzuviel anfangen. Herzl, der Diaspora-Jude, kommt aus einer anderen Welt. Geblieben sind der Zionismus, die Zionisten und eine zionistische Gesellschaft. Der Streit über diese drei Begriffe erschüttert heute alle Kreise in Israel.

Zionismus ist ein Begriff, dessen Bedeutung sich im Laufe der Zeit geändert hat. Ursprünglich stand er für die Anerkennung der Juden als Volk im staatsrechtlichen Sinn mit dem Recht auf eine eigene Heimstätte. Die zionistische Bewegung war, so urteilt der Historiker Dan Diner von der Universität Tel Aviv, im Grunde eine "frühe Reaktion auf die Ahnung einer fehlgeleiteten Emanzipation der Juden in Europa" gewesen. Nachdem Hitler aus dieser Ahnung eine schreckliche Gewißheit gemacht hatte, wurden viele Juden zu Anhängern des Zionismus, die bis dahin den Ideen Herzls kritisch gegenübergestanden hatten.

Lange blieb die Staatsgründung Israels im kollektiven Bewußtsein von Legenden umwoben. Zu den Mythen gehörte es, den Zionismus als eine nationale Befreiungsbewegung zu betrachten, die keine Opfer kostete. In Wirklichkeit stellte das Jahr 1948 für die lokale arabische Bevölkerung eine Katastrophe dar. Daß damals "700 000 Palästinenser geflohen waren oder vertrieben wurden", wies der israelische Historiker Benny Morris schon vor Jahren nach.

Das Problem der palästinensischen Flüchtlinge trifft den Kern des Zionismus.

Es zeigt, daß die Bewegung Herzls nicht nur eine Lösung für das jüdische Elend war, sondern zugleich auch neues Leid schuf. Wegen dieser schwierigen Wahrheit dauerte es lange, bis man sich mit dem Thema überhaupt auseinandersetzen konnte und wollte.

Benny Morris, der vor zwei Jahren noch in seinem Kämmerchen auf akademische Anerkennung hoffte, hat inzwischen eine feste Anstellung an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva bekommen. Seine Forschung findet allmählich Zugang in die offiziellen Lehrbücher. Es ist kein Tabu mehr, über die damalige Deportation von Palästinensern zu reden. Das heißt aber nicht, daß man den Glauben an den Zionismus aufgegeben hätte. Auch Benny Morris ist Zionist und lehnt den inzwischen fast schon wieder aus der Mode gekommenen Begriff vom Postzionisten ab. Er sagt aber auch, daß die zionistische Ideologie ihr Hauptziel - die Staatsgründung - erreicht habe. Was vom Zionismus bleibt, ist das israelische Rückkehrrecht. Es wurde als erstes Gesetz nach der Staatsgründung verabschiedet und garantiert jedem Juden auf der Welt einen israelischen Paß.