Wenn israelische Parlamentsabgeordnete im Jerusalemer Hohen Haus ans Rednerpult treten, fühlen sie sich mitunter beobachtet. Schuld daran ist das Bild an der Stirnseite des Sitzungssaals in der Knesset. Der Mann, der spöttisch, ernst und durchaus wohlgefällig aus dem Bilderrahmen auf ihr Redemanuskript blickt, hat den israelischen Parlamentarismus möglich gemacht, indem er den Zionismus als Kongreßbewegung ausgestaltete - Theodor Herzl.

Kongreßtage! "Nach der Ankunft ging ich vorgestern gleich in das Bureau das uns die Stadt Basel zur Verfügung gestellt hat. Es ist ein leergewordener Schneiderladen. Ich lasse die Firma mit einem Tuch überdecken um den faulen Witzen zuvorzukommen". Das notierte Theodor Herzl zwei Tage vor dem offiziellen Beginn des ersten Zionistenkongresses am 27. August 1897 in sein Tagebuch, vor hundert Jahren also. Ihn beschäftigten lästige Details der Kongreßorganisation: Der von einem Mitstreiter ausgesuchte Saal fand Herzls Zustimmung nicht, war ein ungeeignetes Lokal mit Tingeltangelbühne, wie er meinte. Herzl entschied sich für ein ernsteres Lokal - den Konzertsaal der Stadt Basel. Die erste Sitzung sollte an einem langen grünen Tisch stattfinden, davor Fauteuils.

Die Delegierten kamen aus ganz Europa, manche aus Nordamerika, Nordafrika und Palästina. Die meisten waren junge Ostjuden, zum Teil zu Fuß gekommen. Ihre besorgten Mütter hatten ihnen Brotbeutel (die damals Binkel hießen) mit Proviant für die lange Anreise mitgegeben, und schon im Zug hatten sie die ersten hitzigen Diskussionen geführt. Über den Ablauf des Zionistenkongresses hatte Herzl die 204 Delegierten zuvor weitgehend in Unkenntnis gehalten.

Wenigstens hatte er allen Kongreßteilnehmern brieflich eine Kleiderordnung vorgeschrieben - Frack, Zylinder und weiße Halsbinde sollten Ernst und Würde unterstreichen. Feiertagskleider, so seine lange gehegten "Ausführungsgedanken", machten die meisten Menschen steif. Aus dieser Steifheit entstünde sofort ein angemessener Ton.

Herzl kümmerte sich um alles, was mit dem Kongreß zusammenhing, nichts sollte dem Zufall überlassen werden. Die Damen sollten ebenfalls in eleganter Kleidung erscheinen. Auf die Frage eines Delegierten, ob diese auch stimmberechtigt seien, beschied Herzl kurz und bündig: "Die Damen sind selbstverständlich sehr verehrte Gäste, aber an der Abstimmung nehmen sie nicht theil". (Stimmrecht erlangten sie jedoch bereits beim zweiten Kongreß im Jahr darauf in Basel.)

Der Kongreß war Herzls Erfindung. Unter den Deputierten war er wahrscheinlich der einzige, der genau wußte, was er vorhatte. Seine Ziele waren hoch gesteckt: Er wolle, notierte er salopp in sein Tagebuch, "aus einem Lappen eine Fahne" und aus einem "gesunkenen Gesindel ein Volk" machen. Die andern suchten Ideen, er suchte Macht. Und um diese zu erlangen, arbeitete er Tag und Nacht.

Eigentlich hätte der erste Zionistenkongreß in München stattfinden sollen, so war es auf einer Vorkonferenz beschlossen worden. Die Voranzeigen waren bereits gedruckt und versandt. Herzl hatte München gewählt, weil er die Stadt für "liebenswürdig" und "gastlich" hielt. Indes zeigte sich die bayerische Metropole keineswegs zuvorkommend. Zwar hatten weder die bayerische Regierung noch die Stadt gegen die Wahl Münchens als Kongreßstadt etwas einzuwenden - doch ausgerechnet die dortige Kultusgemeinde sprach sich vehement gegen München als Tagungsort aus, da sie um die Reputation ihrer nationalen Zuverlässigkeit besorgt war. Der Vorstand teilte Herzl mit, "daß für die von Ihnen geleitete Bewegung bei den Glaubensgenossen unserer Stadt nicht die geringsten Sympathien bestehen, und daß wir in der Abhaltung des Kongresses in München oder Bayern geradezu eine Gefahr für unsere Glaubensgenossen erblicken. Es dürfte Ihnen wohl bekannt sein, daß ... die Presse in Bayern ... in böswilliger Weise den Beweis geliefert erachtet, daß die Juden Liebe und Anhänglichkeit zu ihrem Vaterlande nicht besitzen."